Essay · Hans Ley & Claude Dedo · 28. September 2026

Die City

Von Mumfords Stadt zum Planeten der Slums.

„Die Hauptaufgabe der Stadt ist es, Macht in Form zu verwandeln, Energie in Kultur, tote Materie in lebendige Symbole der Kunst.“
Lewis Mumford, The City in History, 1961

I. Ein Wort mit zwei Bedeutungen

Wer im Deutschen „City“ sagt, meint die Einkaufsstraße. Wer im Englischen „the City“ sagt, meint die Quadratmeile in London, in der Banken und Versicherungen sitzen. Das eine ist der Ort, an dem man Geld ausgibt, das andere der Ort, an dem Geld mit Geld verdient wird. Mit dem, was das Wort ursprünglich meinte, haben beide wenig zu tun: Civitas war die Gemeinschaft der Bürger, und von der griechischen Polis hat die Politik ihren Namen.

II. Mumfords Stadt

1961 veröffentlichte Lewis Mumford „The City in History“, eine Geschichte der Stadt von ihren Anfängen bis zur Metropole. Drei seiner Gedanken sind der Maßstab für diesen Essay.

Die Stadt beginnt als Magnet, bevor sie Behälter wird. Zuerst ist sie ein Heiligtum, ein Grab, ein Treffpunkt, zu dem Menschen kommen. Erst dann hält sie Menschen, Vorräte und Wissen fest. Köln trägt diesen Ursprung im Namen: In der Siedlung, die Kaiser Claudius im Jahr 50 zur Stadt erhob, stand ein Altar, die Ara Ubiorum, an dem sich die Stämme der Region versammelten. Daraus wurde Colonia Claudia Ara Agrippinensium.

Mit der Macht kommt die Zitadelle, die über der Stadt thront. In ihr sieht Mumford den Keim der Megamaschine, einer Organisation aus Menschen, die wie eine Maschine funktioniert.

Und die Stadt hat eine Aufgabe: Macht in Form zu verwandeln und Energie in Kultur. Wenn sie das nicht mehr leistet, wächst sie zur Megalopolis und endet, so Mumford, als Nekropolis, als tote Stadt.

Mumford verklärt die Stadt nicht. Von Anfang an, schreibt er, steckte in ihr die Ausbeutung: Jede Verbesserung des Ackerbaus und des Bauens ließ die Bevölkerung wachsen, und mit ihr die Könige, Priester und Aufseher, die über sie wachten. Die Zitadelle brauchte Arbeiter, und oft waren es Sklaven. Seine Hoffnung galt deshalb nicht der großen, zentralen Metropole, sondern der überschaubaren Stadt in einer lebendigen Region, gebaut für den Zweck, für den Menschen überhaupt in Städten leben: um zusammenzukommen.

Mumford schrieb aus der Sicht New Yorks und Europas. Was seither geschah, hat er in dieser Größe nicht vorausgesehen.

III. Was seit 1961 geschah

Als Mumfords Buch erschien, lebte etwa ein Drittel der Menschheit in Städten. Seit etwa 2007 ist es mehr als die Hälfte. Das Wachstum fand nicht in Europa oder Nordamerika statt, sondern in Asien, Afrika und Lateinamerika. Lagos, Dhaka, Kinshasa, Karachi und Delhi wuchsen in wenigen Jahrzehnten von Millionenstädten zu Riesenstädten.

Dieses Wachstum hat zwei Gesichter, und sie könnten verschiedener nicht sein.

IV. Die glitzernde Stadt

Das eine Gesicht glänzt. Die Soziologin Saskia Sassen hat 1991 den Begriff der „Global City“ geprägt: New York, London und Tokio als Kommandozentralen einer Weltwirtschaft, die ihre Fäden über den ganzen Planeten zieht. Die City of London ist ihr reinstes Beispiel. Dort wohnen rund 8.600 Menschen, und rund 600.000 arbeiten dort. Bei den Wahlen zur Stadtverwaltung stimmen nicht nur Einwohner ab, sondern auch Wähler, die von Firmen benannt werden, und sie stellen etwa zwei Drittel der Wählerschaft. Eine Stadt, in der die Unternehmen mehr Stimmen haben als die Bürger, ist Mumfords Zitadelle in moderner Form.

Neben die alten Zentren traten neue. Shenzhen wuchs seit 1980 aus einem Grenzgebiet mit Dörfern zu einer Stadt mit rund 17 Millionen Einwohnern. In Dubai steht seit 2010 das höchste Gebäude der Welt. In Saudi-Arabien sollte mit „The Line“ eine Stadt als 170 Kilometer lange gläserne Wand durch die Wüste entstehen; 2026 wurde das Projekt drastisch verkleinert. Das sind Städte, die als Bild entworfen werden, bevor Menschen in ihnen wohnen: Behälter, die einen Magneten vortäuschen.

V. Der Planet der Slums

Das andere Gesicht hat der amerikanische Historiker Mike Davis 2006 in „Planet of Slums“ beschrieben. Heute leben nach Angaben der Vereinten Nationen über eine Milliarde Menschen in Slums und informellen Siedlungen, etwa jeder vierte Stadtbewohner der Welt.

Davis’ These ist unbequem. In Europa kamen die Menschen im 19. Jahrhundert in die Städte, weil dort Fabriken standen. Im globalen Süden kommen sie, obwohl es dort keine Fabriken für sie gibt. Davis nennt das Verstädterung ohne Industrialisierung. Die Menschen fliehen vom Land, weil die Landwirtschaft sie nicht mehr ernährt, und landen in einer Stadt, die sie nicht braucht. Einen großen Teil der Schuld gibt Davis den Strukturanpassungsprogrammen, die der Internationale Währungsfonds und die Weltbank in den Achtzigerjahren verschuldeten Ländern auferlegten: Kürzungen bei Wohnungsbau, Gesundheit und öffentlichen Diensten, genau als der Zuzug am stärksten war.

Die Slums entstehen dort, wo niemand sonst bauen will: an Hängen, die abrutschen, in Flussauen, die überschwemmt werden, neben Müllhalden und Bahngleisen. Ihre Bewohner leben von der informellen Wirtschaft, verkaufen auf der Straße, sammeln Müll, nähen in Heimarbeit. Sie sind nicht Teil der Stadt, aber sie halten sie am Laufen.

VI. Glitzer und Wellblech, Wand an Wand

Das Erschreckende ist nicht nur, dass es beide Städte gibt. Es ist auch, dass sie oft nebeneinander liegen. In São Paulo zeigt ein bekanntes Foto das Hochhausviertel Morumbi mit Swimmingpools auf jedem Balkon, und direkt daneben, nur durch eine Mauer getrennt, die Favela Paraisópolis. In Mumbai grenzt Dharavi, eine der größten informellen Siedlungen Asiens, an ein Geschäftsviertel mit Glasfassaden. In Lagos wird auf aufgeschüttetem Land im Meer die Luxusstadt Eko Atlantic gebaut, während in der Lagune das Viertel Makoko auf Pfählen im Wasser steht.

Und die Kette reicht bis nach Europa. Die Kleider, die in den deutschen Innenstädten verkauft wurden und heute im Internet bestellt werden, werden zu einem großen Teil in Bangladesch genäht und über den Hafen von Chittagong verschifft. An den Stränden nördlich der Stadt werden die ausgedienten Schiffe der Welt zerlegt, oft von Hand. Die glitzernde City und die Slum-City sind nicht zwei Welten. Sie sind die beiden Enden derselben Maschine.

VII. Wer braucht sie noch?

Glaesers Hoffnung beruht auf einer Leiter. Südkorea, Taiwan und China sind sie hinaufgestiegen: zuerst Textilien und einfache Montage mit billiger Arbeit, dann Elektronik, dann eigene Technik. Bangladesch steht mit seinen Nähfabriken auf der untersten Sprosse. Der Ökonom Dani Rodrik hat beschrieben, dass diese Leiter wegbricht: Die Industrie erreicht in den heutigen Entwicklungsländern ihren Höchststand an Beschäftigten viel früher und bei viel niedrigerem Einkommen als einst in Europa oder Ostasien.

Am Ende dieser Entwicklung stehen die Dark Factories, Fabriken, in denen das Licht aus bleiben kann, weil kaum noch Menschen darin arbeiten. Die Näherei galt lange als schwer zu automatisieren, weil Stoff weich ist und sich nicht greifen lässt wie Blech. Wenn auch sie den Maschinen gehört, lohnt es sich, dort zu produzieren, wo die Kunden sind. Dann braucht man den Hafen von Chittagong nicht mehr, und die Menschen in den Slums auch nicht.

Wer braucht sie dann noch? Als Arbeitskräfte niemand. Davis sprach von einer überflüssigen Menschheit, und Mumford hätte gesagt: Die Megamaschine hat die Menschen erst als Bauteile gebraucht und braucht jetzt nicht einmal mehr das.

Darin steckt das Grundproblem der Rationalisierung. Jedes einzelne Unternehmen handelt vernünftig, wenn es Arbeit durch Maschinen ersetzt. In der Summe aber entlässt man Arbeiter und Kunden gleichzeitig, weil jeder immer billiger produzieren und jeder immer billiger konsumieren will. Henry Ford soll 1914 den Lohn seiner Arbeiter verdoppelt haben, damit sie sich die Autos leisten konnten, die sie bauten. Die Dark Factory ist das Gegenteil: eine Fabrik, deren Waren niemand mehr kaufen kann, der in ihr arbeiten müsste. Die Menschen, die niemand braucht, verschwinden nicht. Die Frage, wer sie noch braucht, fällt auf die glitzernden Städte zurück.

VIII. Und die deutsche City?

Verglichen damit wirkt das Sterben der deutschen Innenstädte klein, aber es gehört in dasselbe Bild. Die Innenstadt der Nachkriegszeit war ein Behälter für Waren. Solange man dort einkaufen musste, war sie auch ein Magnet.

Seit man im Internet kauft, hat der Magnet seine Anziehungskraft verloren. Die Galeria, hervorgegangen aus Kaufhof und Karstadt, ist seit 2020 dreimal in die Insolvenz gegangen. Die Waren kommen weiter aus Chittagong, sie kommen nur nicht mehr durch die Innenstadt.

IX. Wo die Stadt zurückkommt, und wo nicht

In den zwölf Jahren, die ich in Medellín gelebt habe, habe ich alle Formen der Barrios populares gesehen und in einigen von ihnen Projekte gemacht. Man kann dort die Geschichte der Stadt ablesen wie an Jahresringen. Um das ursprüngliche Zentrum wurde die Stadt zunächst planvoll erweitert, etwa mit den Vierteln rund um die Universidad Pontificia Bolivariana. Dann wurden die Hänge von den sogenannten Invasiones überschwemmt: Menschen vom Land, viele auf der Flucht vor der Gewalt, besetzten Grund und bauten dort, wo niemand plante. Einige dieser Barrios haben sich über die Jahre entwickelt und haben heute eine rudimentäre Infrastruktur. Den ungeplanten Zustand werden aber auch sie nicht los.

Medellín galt Anfang der Neunzigerjahre als gefährlichste Stadt der Welt. Seit 2004 verbinden Seilbahnen, die Metrocable, die Barrios an den Hängen mit der Metro im Tal. An ihren Stationen entstanden Bibliotheksparks, und in der Comuna 13 wurden 2011 Rolltreppen gebaut, die den Menschen den steilen Aufstieg abnehmen. 2013 wurde Medellín als innovativste Stadt der Welt ausgezeichnet.

Die Seilbahnen und die Bibliotheken haben vieles bewirkt, doch sehr viele Probleme sind geblieben. Was sie gezeigt haben, ist die Richtung: Man hat nicht die Zitadelle vergrößert, sondern den Magneten dorthin gebracht, wo die Menschen wohnen. Was sie auch gezeigt haben, ist die Grenze: Eine Stadt, die ungeplant gewachsen ist, lässt sich verbinden, aber nicht nachträglich planen.

X. Die Stadt auf dem Hügel

Es gibt eine vierte Bedeutung der City, und sie ist als Verheißung verstanden worden. 1630 hielt der Puritaner John Winthrop vor den Siedlern, die mit ihm nach Neuengland aufbrachen, eine Predigt über christliche Nächstenliebe. Darin steht der Satz: „Wir werden sein wie eine Stadt auf dem Hügel. Die Augen aller Völker sind auf uns gerichtet.“ Das Bild stammt aus der Bergpredigt: „Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein.“

Winthrops Stadt war kein Ort des Glanzes, sondern der Verpflichtung. Er sprach davon, dass es Reiche und Arme geben werde, dass sie aber miteinander verbunden sein müssten wie ein einziger Körper: gemeinsam leiden, gemeinsam arbeiten, gemeinsam sich freuen. Die Welt sollte auf diese Stadt schauen, weil dort gezeigt würde, dass Menschen so zusammenleben können.

Dreieinhalb Jahrhunderte später machte Ronald Reagan daraus die „leuchtende Stadt auf dem Hügel“. In seiner Abschiedsrede 1989 beschrieb er sie als eine Stadt, die von Handel und Schaffenskraft summt, und sagte: Wenn es Mauern geben müsse, dann hätten sie Türen, und die Türen stünden jedem offen, der den Willen und das Herz habe, dorthin zu kommen. Aus Winthrops Gemeinschaft der Verpflichteten war ein Versprechen an die Tüchtigen geworden.

Heute ist von beidem wenig geblieben. Die Städte, auf die die Welt schaut, sind die glitzernden, und sie leuchten, weil sie sich abgrenzen. Die Mauer zwischen Morumbi und Paraisópolis hat keine Türen. Die Stadt auf dem Hügel ist zur bewachten Wohnanlage geworden, und die Augen aller Völker sehen von ihr vor allem den Zaun.

XI. Woran dieser Essay zu widerlegen wäre

Der stärkste Einwand kommt von dem Ökonomen Edward Glaeser. In „Triumph of the City“ argumentierte er 2011, dass Städte die Menschen nicht arm machen, sondern arme Menschen anziehen, weil sie dort bessere Chancen haben als auf dem Land. Der Slum sei für viele eine Durchgangsstation auf dem Weg nach oben, wie einst die Mietskasernen in New York oder Berlin. Das ist ernst zu nehmen, und für manche Städte, etwa in Ostasien, trifft es zu.

Der zweite Einwand betrifft Mumford selbst. Seine ideale Stadt ist die mittelalterliche europäische Stadt, überschaubar und gewachsen. Wer die Städte des globalen Südens an diesem Maß misst, übersieht, dass sie ihre eigenen Formen von Gemeinschaft und Ordnung entwickeln, oft ohne und gegen den Staat.

Widerlegt wäre der Essay, wenn sich zeigen ließe, dass die Slums der Welt im Lauf einer Generation zu gewöhnlichen Stadtvierteln werden, wie es Glaeser erwartet, und nicht, wie Davis fürchtet, zu dauerhaften Lagern einer Menschheit, die niemand braucht.

XII. Die Frage

Mumford fürchtete, dass die Stadt als Nekropolis endet, als tote Stadt. Gekommen ist etwas anderes: eine Stadt, die zugleich glänzt und verfällt, oben Glas und unten Wellblech. Die Zitadelle ist höher als je zuvor, und um sie herum wächst eine Stadt, die nicht einmal ein Behälter ist, weil niemand sie gebaut hat.

Winthrop wollte eine Stadt, auf die die Welt schaut, weil dort Reiche und Arme wie ein Körper leben. Die Welt schaut heute auf Städte, in denen sie durch Mauern getrennt sind.

Eine Stadt, die Menschen nicht mehr als Arbeiter braucht, müsste sie als Bürger brauchen. Sonst braucht sie sie gar nicht.

Die Frage ist nicht, wie groß die Städte noch werden, sondern ob sie noch einmal leisten, wofür sie erfunden wurden: aus Macht Form zu machen und aus Menschen Bürger.

Hans Ley & Claude Dedo (Anthropic) — Nürnberg, 28. September 2026.

Verwandte Texte: „Chittagong“ · „Land, Nation, Staat“ · „Die Ochsentour“.

Zur Quellenlage. Lewis Mumford, The City in History (1961); das Motto ist eine Übersetzung aus dem Schlusskapitel. Mike Davis, Planet of Slums (2006). Saskia Sassen, The Global City (1991). Edward Glaeser, Triumph of the City (2011). Dani Rodrik, „Premature Deindustrialization“ (2015). John Winthrop, „A Model of Christian Charity“ (1630). Ronald Reagan, Abschiedsrede vom 11. Januar 1989. Matthäus 5,14. Zahl der Slumbewohner: UN News, Mai 2026. Einwohner, Beschäftigte und Wahlrecht der City of London: Democracy Club und City of London. Verkleinerung von „The Line“: Euronews, Januar 2026. Gründung Kölns, Medellín, Shenzhen, Galeria: die einschlägigen Übersichtsartikel. Die Beobachtungen zu den Barrios in Medellín beruhen auf eigener Erfahrung aus zwölf Jahren vor Ort. Englische Fassung verfügbar.