Essay · Hans Ley & Claude Dedo · 9. Oktober 2026

Exzellenz – es tropft weiter

Teil 3 der Trilogie über die mittelmäßige Exzellenz: die Entscheidung vom 2. Oktober und was sie bestätigt.

„Man sieht sich im nächsten Wettbewerb!“
Thomas Bedorf, Astrid Franke, Frieder Vogelmann, Christiane Zehrer, F.A.Z., 1. Oktober 2026

I. Die angekündigte Pressemitteilung

Im Mai schrieben wir in „Die mittelmäßige Exzellenz in desolatem Ambiente“: „Am 2. Oktober wird die nächste Pressemitteilung über die neuen Exzellenzuniversitäten veröffentlicht.“ Das war keine kühne Prognose. Es war die einfachste Vorhersage, die man über dieses System machen kann. Sie ist eingetroffen.

Neu aufgenommen wurden ab 2027 Freiburg und Köln, die ihren Titel früher schon einmal verloren hatten, Jena zum ersten Mal, und zwei Verbünde: die Rhein-Main-Universitäten Darmstadt, Frankfurt und Mainz sowie Bochum und Dortmund im Ruhrgebiet. Sechs von elf Neubewerbern gingen leer aus: Bremen und Oldenburg, Gießen und Marburg, die Universität Hannover, die Medizinische Hochschule Hannover, Kiel und Würzburg. Zusammen mit den zehn bisherigen gibt es nun fünfzehn Exzellenzstandorte. Die Förderlinie für sie steigt von 148 auf 208 Millionen Euro im Jahr, die gesamte Exzellenzstrategie auf bis zu 747 Millionen.

II. Alle bestellen das größte Schnitzel

Das aufschlussreichste Detail stand nicht in den Schlagzeilen. Fast alle Bewerber hatten Beträge nahe am Höchstsatz beantragt. Zusammen überstiegen die Anträge den Topf. Deshalb werden die Mittel aller fünfzehn Standorte über sieben Jahre um durchschnittlich rund 21 Prozent gekürzt.

Man stelle sich einen Wirt vor, bei dem jeder Gast das größte Schnitzel bestellt, weil er weiß, dass er sonst zu kurz kommt. Der Wirt schneidet allen ein Fünftel ab und nennt das Auswahl. Ein Wettbewerb, in dem jeder Teilnehmer das Maximum fordert, unterscheidet nicht mehr. Er erzeugt Anträge. Das ist die Antragslyrik, die wir im Januar in „Die mittelmäßige Exzellenz“ beschrieben haben, jetzt als Rechnung: Wer bescheiden beantragt, verliert, also beantragt niemand bescheiden.

III. Exzellenz als Zählregel

Die Universität Konstanz ist ab 2027 nicht mehr Exzellenzuniversität. Das hat mit der Entscheidung vom 2. Oktober nichts zu tun. Sie hat seit der Cluster-Runde von 2025 nicht mehr die Mindestzahl an Exzellenzclustern, die der Titel verlangt. Eine Universität, die vor einem Jahr exzellent war, ist es nicht mehr, weil eine Zahl unter eine Schwelle gerutscht ist. Das ist das Bett des Prokrustes, das wir in „Die Ignoranz und Ineffizienz des deutschen Kastenwesens und ihre Prokrustesbetten“ beschrieben haben, diesmal für eine ganze Universität. Das Bett ist die Mindestzahl der Cluster. Gemessen wird nicht, was dort geforscht wird, sondern ob es hineinpasst. Und wer zu kurz ist, wird nicht einmal gestreckt. Er muss draußen schlafen.

Der Soziologe Richard Münch hat schon 2007 vorgerechnet, dass in diesem Wettbewerb vor allem Größe gewinnt und nicht herausragende Ergebnisse. Wer viele Professuren hat, kann viele Cluster beantragen, wer viele Cluster hat, bekommt den Titel, und wer den Titel hat, bekommt mehr Geld für mehr Professuren. Im Evangelium heißt das: Wer hat, dem wird gegeben. Ein kleines, sehr gutes Institut hat in diesem Spiel keine Chance. Es kann nicht einmal mitspielen.

IV. Die Messenden messen sich nicht

In „Wem kann man trauen?“ haben wir eine Regel aufgestellt: Wer gemessen wird, misst nicht. Die Exzellenzstrategie zeigt die Kehrseite. Hier messen die Messenden sich selbst nicht.

Zwanzig Jahre nach dem Beginn gibt es keine begleitende Evaluation. Der Bericht der Imboden-Kommission von 2016 sagt ausdrücklich, er könne den Zusammenhang mit der Menge und Qualität der Forschung nicht beurteilen. Und als das Netzwerk Nachhaltige Wissenschaft 2024 nach den Kosten der Anträge fragte, antworteten Deutsche Forschungsgemeinschaft und Wissenschaftsrat: „Erhebungen zu möglichen weiteren Kosten, die an Hochschulen im Rahmen einer Antragstellung entstehen könnten, werden durch DFG und WR nicht vorgenommen.“

Ein Arzt, der ein Medikament seit zwanzig Jahren verschreibt, ohne je zu prüfen, ob es wirkt, und der auf Nachfrage sagt, die Nebenwirkungen erhebe er nicht, würde seine Zulassung verlieren. In der Wissenschaftspolitik bekommt er ein größeres Budget.

V. Es tropft weiter

Im Mai wurde das Hauptgebäude der Technischen Universität Berlin gesperrt: nasse Wände, Mängel an der Löschwasseranlage, defekte Brandschutztüren. Am 12. Oktober beginnt das Wintersemester. Eine vollständige Rückkehr in das Gebäude ist nach Angaben der Universität in diesem Semester nicht möglich. Prüfungen finden bereits wieder im Audimax statt, die Lehre wird auf andere Gebäude und auf frühe und späte Zeiten verteilt.

Die TU Berlin gehört zur Berlin University Alliance, einem der Exzellenzverbünde. Ihren eigenen Sanierungsbedarf beziffert sie auf 2,4 Milliarden Euro. Das ist mehr, als die gesamte Exzellenzstrategie in drei Jahren für alle Standorte zusammen ausgibt. Eine Exzellenzuniversität, deren Hauptgebäude man nicht betreten darf, ist kein Widerspruch in diesem System. Sie ist sein genauestes Abbild: Für den Titel ist Geld da, für das Dach nicht.

VI. Die Befristeten

Im Mai haben wir vorhergesagt, die Reform des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes werde an den Kernpunkten vorbeigehen. Am 29. Juli hat das Kabinett sie beschlossen. Die Höchstdauer der Befristung bleibt bei zwölf Jahren. Neu sind Mindestlaufzeiten: drei Jahre für Verträge vor der Promotion, zwei Jahre danach. Das ist eine echte Verbesserung, und es ist fair, das zu sagen.

Aber der Kern bleibt. Wer forscht, bleibt bis Mitte vierzig befristet, und der Vorrang für Qualifizierungsverträge vor kurzen Drittmittelverträgen wurde auf Druck der Hochschulen wieder gestrichen. Die Exzellenzcluster werden weiter mit befristeten Stellen besetzt. Wer dicke Bretter bohren will, hat dafür zwei Jahre.

VII. Die Stimme aus dem System

Neu ist, wer jetzt spricht. Am Vorabend der Entscheidung schrieben vier Professoren in der F.A.Z., die Exzellenzstrategie ziehe ihre „Brandspur“ durch das Wissenschaftssystem, ihr Nutzen sei fraglich, ihre Nachteile riesig. Sie beschreiben die Coaches und Antragsberater, die für die Gewinner arbeiten, und die neuen Dauerstellen, die im Wissenschaftsmanagement entstehen statt in der Wissenschaft. Das ist bemerkenswert, denn sie kommen aus dem System, das sie kritisieren.

Gnadenlos gelesen haben sie in einem Punkt nicht recht. Sie machen das „Kooperationsverbot“ dafür verantwortlich, dass der Bund Hochschulen nicht direkt finanzieren dürfe. Seit der Grundgesetzänderung von 2014 darf er es aber, und die Exzellenzstrategie selbst beruht auf genau dieser Änderung. Der Bund darf also zahlen. Er will es nur für Wettbewerbe, nicht für Dächer.

Und ihre Lösung, mehr Grundfinanzierung und ein anderes Personalmodell, ist richtig, bleibt aber eine Lösung der Universitäten für die Universitäten. Wer außerhalb forscht, kommt darin nicht vor: der freie Erfinder, der Handwerksmeister mit einer Idee, die kleine Firma, die eine Entdeckung macht und keinen Antragsberater bezahlen kann. Für sie gibt es keine Exzellenzlinie.

VIII. Wie diese Trilogie widerlegt werden könnte

Die drei Texte behaupten, die Exzellenzstrategie habe keine messbare Wirkung auf die Qualität der Forschung und werde fortgesetzt, weil niemand sie prüft. Das lässt sich widerlegen, und zwar einfach.

Wenn eine unabhängige Untersuchung, weder von DFG noch Wissenschaftsrat bezahlt noch ausgewählt, zeigt, dass die geförderten Standorte nach zwanzig Jahren deutlich bessere Forschung hervorbringen als vergleichbare nicht geförderte, und wenn sie die Kosten der Anträge mitrechnet, dann sind wir widerlegt und sagen das gern. Dass es diese Untersuchung nach zwanzig Jahren nicht gibt, ist selbst schon ein Befund.

IX. Bis zum nächsten Wettbewerb

Die vier Professoren schließen ihren Text mit dem Satz: „Man sieht sich im nächsten Wettbewerb!“ Er ist ironisch gemeint und trotzdem wahr. Der nächste Wettbewerb kommt bestimmt, die nächste Pressemitteilung auch.

Die Exzellenz wird weiter verkündet. Die Decke tropft weiter. Das eine gibt es nicht ohne das andere.

Hans Ley & Claude Dedo (Anthropic) — Nürnberg, 9. Oktober 2026.

Die Trilogie: Teil 1: „Die mittelmäßige Exzellenz“ (Januar 2026) · Teil 2: „Die mittelmäßige Exzellenz in desolatem Ambiente“ (Mai 2026) · Teil 3: dieser Text. Außerdem: „Die Freiheit der Wissenschaft … im Licht“ · „Wem kann man trauen?“ · „Die Ignoranz und Ineffizienz des deutschen Kastenwesens und ihre Prokrustesbetten“.

Zur Quellenlage. Anlass und Motto: Thomas Bedorf, Astrid Franke, Frieder Vogelmann, Christiane Zehrer, „Der große Verlierer ist die Wissenschaft“, F.A.Z., 1. Oktober 2026; dort auch das Zitat von DFG und Wissenschaftsrat. Entscheidung vom 2. Oktober, Fördersummen, Kürzung und Konstanz: dpa/ms-aktuell, 2. Oktober 2026; Fördersummen ab 2026: Ärzteblatt. TU Berlin: dpa/Volksstimme, 7. September 2026. Wissenschaftszeitvertragsgesetz: BMFTR, 29. Juli 2026 und Jan-Martin Wiarda. Richard Münch, Die akademische Elite, Frankfurt 2007. Imboden-Bericht: Internationale Expertenkommission Exzellenzinitiative, Endbericht, Januar 2016. Kooperationsverbot: Änderung von Art. 91b Grundgesetz, 2014. English version available.