Essay · Hans Ley & Claude Dedo · 26. Oktober 2026

Die Herstellung des Tötens

Über Identifikation, Motivation und eine Eskalation, die nicht zwangsläufig ist

Kaum ein Mensch tötet von sich aus einen anderen. Dazu muss er gebracht werden, in Stufen, die man kennt. Und die Spirale, die danach folgt, lässt sich brechen.

I. Die Hemmung

Im Zweiten Weltkrieg befragte der amerikanische Militärhistoriker S. L. A. Marshall Infanteristen nach ihren Gefechten und kam zu einem Ergebnis, das die Armee erschreckte: Nur ein kleiner Teil der Soldaten habe überhaupt auf den Feind geschossen. Seine Zahlen sind heute umstritten, seine Methoden waren es schon damals. Aber die Armee hat ihre Schlüsse daraus gezogen. Statt auf runde Scheiben schießen Rekruten seither auf menschenförmige Ziele, die plötzlich auftauchen und umfallen, wenn sie getroffen sind, tausendfach, bis der Schuss kein Entschluss mehr ist, sondern ein Reflex. Der Psychologe und Offizier Dave Grossman hat diese Umstellung 1995 in seinem Buch „On Killing“ beschrieben.

Wie groß die Scheu genau ist, mag offenbleiben. Dass Armeen einen so großen Aufwand treiben, um sie zu überwinden, ist der beste Beleg, dass es sie gibt. Töten ist für die meisten Menschen nicht natürlich. Es muss hergestellt werden.

Die Herstellung verläuft in Stufen. Sie sind gut erforscht, und man findet sie in Kriegen, Bürgerkriegen, Völkermorden und Bandenkriegen gleichermaßen.

II. Wir und die anderen

Am Anfang steht keine Waffe, sondern eine Grenze. 1971 teilte der Sozialpsychologe Henri Tajfel in Bristol Schuljungen in zwei Gruppen ein, angeblich nach ihrer Vorliebe für Bilder von Paul Klee oder Wassily Kandinsky, in Wahrheit nach Zufall. Die Jungen kannten einander kaum, sie hatten nichts gemeinsam als ein willkürliches Etikett. Als sie Geld verteilen durften, bevorzugten sie die eigene Gruppe, und viele nahmen lieber weniger für sich selbst in Kauf, wenn nur der Abstand zur anderen Gruppe größer wurde.

So wenig braucht es. Jede Identität, die einem Halt gibt, Nation, Religion, Klasse, Partei, Viertel, Fanblock, schafft zugleich ein Draußen. Das ist an sich harmlos und oft wertvoll. Gefährlich wird es, wenn das Draußen eine Bedrohung wird, und wenn jemand daran verdient, dass es so bleibt.

III. Die Entmenschlichung

Den Nachbarn tötet man nicht. Also muss aus dem Nachbarn etwas anderes werden. In Ruanda nannte der Radiosender RTLM die Tutsi monatelang „Inyenzi“, Kakerlaken. Im Frühjahr 1994 wurden in rund hundert Tagen mehrere hunderttausend Menschen getötet, nach den meisten Schätzungen um 800.000, oft von Nachbarn, mit Macheten. Wer Ungeziefer tötet, tötet keinen Menschen.

Die Sprache ist dabei nicht Begleitung, sie ist Werkzeug. Aus Menschen werden Ratten, Parasiten, Tiere, eine Flut, ein Krebsgeschwür. Diese Wörter tauchen in jedem Völkermord des zwanzigsten Jahrhunderts auf, lange bevor der erste Schuss fällt. Wer sie in der Gegenwart hört, ob über Flüchtlinge, Minderheiten oder politische Gegner, hört die erste Stufe.

IV. Die Rechtfertigung

Kaum jemand tötet, ohne sich im Recht zu fühlen. Die Begründung muss das Töten in eine Pflicht verwandeln: Notwehr, Vergeltung, Schutz der eigenen Kinder, ein heiliger Auftrag. Je größer die Sache, desto kleiner wird der einzelne Tote. Am 25. März 2026 betete der amerikanische Verteidigungsminister Pete Hegseth bei einem Gottesdienst im Pentagon um „überwältigende Gewalt gegen die, die keine Gnade verdienen“. Der Satz enthält die ganze Stufe: Es gibt Menschen, die Gnade nicht verdienen, und wir wissen, wer sie sind.

Wie sich daraus ein Gewissen formt, das nicht mehr zögert, haben wir in „Das Petrowsche Versagen und die Eichmannsche Zuverlässigkeit“ beschrieben. Eichmann war leer und gehorchte. Die neue Gefahr ist der Überzeugte, der keinen Befehl braucht.

V. Die Gruppe und der Befehl

Am 13. Juli 1942 stand das Reserve-Polizeibataillon 101 in dem polnischen Dorf Józefów. Es bestand nicht aus SS-Leuten, sondern aus Hamburger Familienvätern mittleren Alters, Hafenarbeitern, Handwerkern, Angestellten. Ihr Kommandeur, Major Wilhelm Trapp, eröffnete ihnen, dass sie an diesem Tag rund 1.500 jüdische Frauen, Kinder und Alte erschießen sollten, und bot an, dass jeder, der sich der Aufgabe nicht gewachsen fühle, vortreten könne. Von rund 500 Männern trat etwa ein Dutzend vor. Der Historiker Christopher Browning hat ihre späteren Aussagen in „Ganz normale Männer“ ausgewertet. Die meisten schossen nicht aus Hass, sondern weil sie nicht als Schwächlinge dastehen und die Kameraden nicht im Stich lassen wollten.

Das ist der vielleicht erschreckendste Befund: Für das Töten genügt oft weniger als ein Befehl. Es genügt die Gruppe. Stanley Milgram hatte im Labor gezeigt, dass zwei Drittel seiner Versuchspersonen einem Fremden auf Anweisung scheinbar lebensgefährliche Stromstöße gaben. Józefów zeigt, dass die Anweisung sogar freiwillig sein kann.

VI. Die Distanz

Je weiter das Opfer entfernt ist, desto leichter fällt es. Grossman beschreibt eine Treppe: Mit dem Bajonett tötet fast niemand, mit dem Gewehr schon mehr, aus dem Flugzeug oder mit der Artillerie fast jeder, weil man das Gesicht nicht sieht. Zygmunt Bauman hat für die Bürokratie des Massenmords dasselbe gezeigt, wie wir in „Vogelschiss oder Katastrophe?“ beschrieben haben: Jeder tut nur einen kleinen Teil, und keiner sieht das Ganze.

Die Technik verlängert diese Treppe ins Unendliche. Der Drohnenpilot sitzt in Nevada, das Ziel in Jemen. Die Zielliste stellt inzwischen eine Software zusammen, und der Mensch bestätigt nur noch. Davon handelt „Die Zahl vor dem Angriff“: Was geschieht mit der Verantwortung, wenn das Töten eine Kennzahl bekommt?

VII. Die Spirale

Ist die erste Grenze überschritten, beginnt eine Mechanik, die keinen Anführer mehr braucht. Jeder Tote hat Angehörige, jeder Angehörige ein Recht auf Vergeltung, jede Vergeltung neue Tote. Auf dem Balkan reichten die Erinnerungen an 1941 bis 1945, um 1991 neue Morde zu begründen, und Srebrenica 1995 begründet bis heute neuen Hass. In den Vierteln von Medellín vererbten sich Fehden zwischen Banden über Generationen, wie wir in „Gewalt und Harmonie“ beschrieben haben. Jede Seite erzählt die Geschichte so, dass die andere angefangen hat, und beide haben recht, weil es keinen Anfang mehr gibt.

So entsteht der Eindruck, Eskalation sei zwangsläufig. Sie ist es nicht. Aber sie ist das Wahrscheinliche, solange niemand etwas dagegen tut, und es gibt immer jemanden, der daran verdient. Wie Konflikte bewirtschaftet statt gelöst werden, steht in „Das Interesse am Feuer“.

VIII. Die Gegenkräfte

In den Schützengräben an der Westfront entstand ab 1914 etwas, das kein Generalstab geplant hatte. Wochenlang lagen dieselben Einheiten einander gegenüber, und an vielen Abschnitten bildete sich ein stilles Abkommen: Man schoss zu festen Zeiten auf feste Stellen, über die Köpfe hinweg, und ließ die Essensträger der anderen Seite in Ruhe. Der Soziologe Tony Ashworth hat dieses System des „Leben und leben lassen“ aus Briefen und Tagebüchern rekonstruiert. Zu Weihnachten 1914 trafen sich Briten und Deutsche an mehreren Stellen im Niemandsland, tauschten Zigaretten und begruben gemeinsam ihre Toten.

Beendet wurde das nicht von unten, sondern von oben. Die Heeresleitungen ordneten Grabenüberfälle und Stoßtrupps an, gerade um die stillen Abkommen zu zerstören. Die Eskalation musste befohlen werden, weil die Männer an der Front sie nicht mehr wollten.

Es gibt weitere Gegenbeispiele. Stanislaw Petrow meldete 1983 keinen Gegenschlag, weil er am Signal zweifelte. Kennedy und Chruschtschow fanden 1962 einen Ausweg, weil beide wussten, dass sie am Abgrund standen. In Nordirland beendete das Karfreitagsabkommen 1998 einen Konflikt, der dreißig Jahre lang als unlösbar galt. Und Mark Kelly erinnerte 2025 die amerikanischen Soldaten daran, dass sie rechtswidrige Befehle nicht befolgen müssen, wovon „Das Apfelbäumchen“ handelt.

Aus diesen Fällen lassen sich die Bedingungen ablesen, unter denen die Spirale abbricht: wenn sich die Gegner als Menschen begegnen, wenn beide wissen, was sie zu verlieren haben, wenn ein Einzelner im entscheidenden Moment zögert, und wenn die Regeln, die das Töten begrenzen, noch gelten und jemand an sie erinnert.

IX. Die These

Töten ist für Menschen nicht natürlich. Es wird hergestellt, mit Identität, Sprache, Rechtfertigung, Gruppe und Distanz, und jede dieser Stufen ist erkennbar, bevor der erste Schuss fällt. Wer diese Stufen herstellt, arbeitet mit denselben Bauteilen wie der Gründer in unserer „Bastelanleitung für eine Sekte“: mit einer Sehnsucht nach Zugehörigkeit, einer Lehre, die keine Zweifel kennt, und einer Sprache, die das Nachfragen beendet.

Eskalation ist nicht zwangsläufig, sie ist bequem. Sie verlangt von niemandem eine Entscheidung. Die Gegenwehr verlangt eine. Sie beginnt bei dem Wort, mit dem aus einem Menschen ein Ungeziefer wird, und bei dem Einzelnen, der vortritt, wenn alle anderen stehen bleiben.

Weiterlesen: Das Petrowsche Versagen und die Eichmannsche Zuverlässigkeit · Wo ist Petrov? · Vogelschiss oder Katastrophe? · Die Zahl vor dem Angriff · Die Stunde des Volkes · Gewalt und Harmonie · Das Interesse am Feuer · Bastelanleitung für eine Sekte

Hans Ley & Claude Dedo (Anthropic) — Nürnberg, 26. Oktober 2026.

Quellen. S. L. A. Marshall, Men Against Fire, 1947; zur Kritik an seinen Zahlen Roger J. Spiller, „S. L. A. Marshall and the Ratio of Fire“, RUSI Journal, 1988. · Dave Grossman, On Killing. The Psychological Cost of Learning to Kill in War and Society, 1995. · Henri Tajfel u. a., „Social categorization and intergroup behaviour“, European Journal of Social Psychology, 1971. · Zum Völkermord in Ruanda und zur Rolle von RTLM: Internationaler Strafgerichtshof für Ruanda, Urteil im sogenannten Medienprozess (Nahimana u. a.), 2003. · Christopher R. Browning, Ganz normale Männer. Das Reserve-Polizeibataillon 101 und die „Endlösung“ in Polen, 1993 (engl. 1992). · Stanley Milgram, Obedience to Authority, 1974. · Zygmunt Bauman, Moderne und Holocaust, 1989. · Tony Ashworth, Trench Warfare 1914–1918. The Live and Let Live System, 1980. · AP, „At Pentagon Christian service, Hegseth prays for violence ‘against those who deserve no mercy’“, 25. März 2026.