Essay · Hans Ley & Claude Dedo · 2. November 2026

Krieg als Vater aller Dinge?

Über eine Verkürzung Heraklits, das Programm hinter der Innovation und die andere Kreativität, die der Krieg ausschließt

Nachtrag vom 2. November 2026: Sparring ist kein Kampf

Wer die Aufrüstung rechtfertigen will, greift gern zu einem Satz, der zweieinhalbtausend Jahre alt ist. Er klingt unausweichlich, weil er allgemein ist. Und er ist eine der erfolgreichsten Verkürzungen der Geistesgeschichte.

„Der Krieg ist der Vater aller Dinge“, soll der griechische Philosoph Heraklit gesagt haben. Wir zeigen drei Dinge. Erstens, dass Heraklit etwas anderes meinte. Zweitens, dass die Innovation, die wir heute der Aufrüstung zugutehalten, kein Naturereignis ist, sondern einem seit Jahrzehnten verfolgten Programm folgt. Drittens, dass dieselbe Dynamik auch ohne Krieg zu haben ist, und dass die Welt das 2020 vor unseren Augen bewiesen hat.

I. Was Heraklit gemeint hat

Heraklit von Ephesos hat einen Satz hinterlassen, der zur stehenden Wendung westlicher Bildung wurde: pólemos patér pánton, der Krieg ist Vater aller Dinge. Das Wort pólemos bedeutete bei ihm aber nicht in erster Linie militärische Gewalt. Es bezeichnete die Spannung der Gegensätze, aus der alles Werden hervorgeht. Tag und Nacht, heiß und kalt, oben und unten: Das eine bringt das andere hervor, indem es ihm widerspricht. Heraklit war Naturphilosoph. Er beschrieb, was Hegel zweieinhalb Jahrtausende später Dialektik nennen würde.

Die Späteren machten aus dem philosophischen Begriff einen militärischen. Aus der Spannung der Gegensätze wurde das Schießpulver, aus dem Wettstreit die Schlacht, und der Vater wurde zur Autorität, die den Krieg rechtfertigt. Die Verkürzung ist so erfolgreich, dass sie sich von Heraklit gelöst hat. Wer den Satz heute zitiert, weiß meist nicht mehr, dass das Original etwas anderes besagte. Er ist kein Zitat mehr, sondern eine Parole.

Wer Heraklit zum Kronzeugen kriegerischer Innovation macht, sagt nicht, was Heraklit gemeint hat. Er sagt, was er selbst sagen will, und borgt sich dafür die Autorität der Antike.

II. Was Krieg tatsächlich tut

Ganz falsch ist die Verkürzung nicht. In Kriegen entstehen technische Neuerungen, die ohne Krieg vermutlich anders entstanden wären. Der amerikanische Soziologe Charles Tilly hat das Muster in einen Satz gefasst: „Der Krieg machte den Staat, und der Staat machte den Krieg.“

Im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert zwangen Schießpulver und Belagerungsartillerie zum Bau riesiger Sternfestungen, die ein Vermögen kosteten. Wer eine solche Festung wollte, brauchte ein Steuersystem. Wer Steuern wollte, brauchte eine Verwaltung, Beamte, Volkszählungen und Statistiken. Der moderne Staat ist nicht aus einer Idee von Bürgerlichkeit entstanden, sondern aus dem Bedarf des Krieges. Preußen ist die Karikatur dieser Entstehung.

Das zwanzigste Jahrhundert hat das Muster vollendet. Fritz Haber gelang 1909 die Synthese von Ammoniak aus dem Stickstoff der Luft. Bis dahin hing Deutschland für Dünger und Sprengstoff am Salpeter aus Chile. Carl Bosch machte das Verfahren bei der BASF bis 1913 industriereif. Als die britische Seeblockade im Krieg den Salpeter abschnitt, finanzierte das Reich den Bau des Leuna-Werks. Ohne das Haber-Bosch-Verfahren hätte Deutschland den Ersten Weltkrieg nach verbreiteter Einschätzung früher verloren. Derselbe Haber, der das Giftgas an die Front brachte, erhielt den Chemie-Nobelpreis für 1918. Heute ernährt dasselbe Verfahren über den Dünger einen großen Teil der Menschheit. Doppelte Verwendung im wörtlichsten Sinn.

Peenemünde an der Ostsee. 1942 erreichte das Aggregat 4 eine Höhe von rund 85 Kilometern, 1944 überschritt ein Testflug als erstes von Menschen gebautes Objekt die Grenze zum Weltraum. Im selben Jahr schlug dieselbe Rakete als „Vergeltungswaffe 2“ in London und Antwerpen ein. Bei ihrer Herstellung starben mehr Menschen als durch ihren Einsatz, etwa zwanzigtausend Häftlinge im Konzentrationslager Mittelbau-Dora. Wernher von Braun, ihr technischer Direktor, wurde nach 1945 von den Amerikanern geholt. Er leitete die Entwicklung der Saturn-V-Rakete, die 1969 Menschen zum Mond brachte. Die Mondlandung ist ein Kind der V2.

Der niederländische Sozialpsychologe Carsten De Dreu hat untersucht, wie Menschen unter Bedrohung kreativ werden. Er spricht von „motiviertem Fokus“. Bedrohung blockiert nicht, sie bündelt. Was nicht zur Lösung des drängenden Problems beiträgt, fällt weg. Wenn die Bedrohung mit der Aufgabe zusammenhängt, kann das erstaunliche Kreativität freisetzen. Wenn nicht, blockiert sie. Genau das geschieht im Krieg: Alles, was der Front nicht dient, fällt weg, und was ihr dient, bekommt jede verfügbare Ressource. Das Ergebnis ist gebündelte Innovation in einem schmalen Korridor und Stillstand überall sonst.

Krieg ist keine Magie. Krieg ist die Bündelung knapper Mittel auf eng gesteckte Ziele, bei aufgehobenen Hemmungen. Was er hervorbringt, hängt davon ab, wer die Ziele steckt.

III. Andrew Marshall und das Programm

Was die heutige Debatte übersieht: Die Innovation, die wir gerade beobachten, ist kein Naturereignis. Sie folgt einem Programm, und dieses Programm hat einen Namen und eine Adresse.

Die Adresse ist das Office of Net Assessment im amerikanischen Verteidigungsministerium. Geleitet hat es von 1973 bis 2015 Andrew Marshall, über vier Jahrzehnte und unter acht Präsidenten. Marshall war weder Politiker noch General, sondern ein Stratege, der für das Pentagon langfristig dachte, in Jahrzehnten statt in Haushaltsjahren.

Die Idee selbst stammt aus der Sowjetunion. Seit Ende der siebziger Jahre schrieben sowjetische Militärs um Marschall Nikolai Ogarkow von einer „militärtechnischen Revolution“: Präzisionswaffen, Aufklärung und Datenverarbeitung würden die Kriegführung so grundlegend verändern wie einst Panzer und Flugzeug. Marshall nahm den Gedanken auf. 1992 ließ er für sein Büro eine Bewertung schreiben, verfasst von Andrew Krepinevich. Sie sagte voraus, dass präzise Angriffe auf große Entfernung, die Überlegenheit bei Informationen, unbemannte Systeme und die Kontrolle des Weltraums den Krieg bestimmen würden, während schwere Panzerverbände, bemannte Flugzeuge und große Schiffe an Bedeutung verlieren. Der Übergang werde mehrere Jahrzehnte dauern. In Washington hieß das bald „Revolution in Military Affairs“. Seit 2014 verfolgt das Pentagon es unter dem Namen „Third Offset“ weiter.

Drohnen, Präzisionswaffen, vernetzte kleine Einheiten statt Massenheere: Was heute als Neuheit gilt, wurde vor über dreißig Jahren als Programm aufgeschrieben.

IV. Lothar Rühl, im Juli 2000

Wie selbstverständlich dieses Programm im deutschen sicherheitspolitischen Establishment angekommen war, zeigt ein Aufsatz von Lothar Rühl in der CDU-nahen Zeitschrift „Die politische Meinung“ vom Juli 2000. Rühl, von 1982 bis 1989 Staatssekretär im Verteidigungsministerium, beschreibt die „Revolution in Military Affairs“ mit unverhohlener Begeisterung. Die Streitkräfte der Zukunft würden ihre Überlegenheit bei Waffen und Informationstechnik in strategische Vorherrschaft verwandeln, ohne Kernwaffen. Die Vereinigten Staaten seien deshalb die einzige Weltmacht, und die europäischen Verbündeten müssten ihre Rückstände aufholen, um mithalten zu können.

Interessant ist nicht die Begeisterung, sondern die Genauigkeit. Rühl beschreibt im Jahr 2000 fast jeden Bestandteil, der im Krieg der USA und Israels gegen Iran seit Februar 2026 eingesetzt wurde: vernetzte kleine Kampfgruppen, Aufklärung aus dem All, Präzisionswaffen auf große Entfernung, regionale Raketenabwehr, gemeinsame Operationen in der Luft, auf See und im elektronischen Raum. Was er nicht erwähnt, ist die künstliche Intelligenz. Sie lag damals noch nicht im Blickfeld.

Was als Innovation aus der Not erscheint, ist häufig Innovation nach Plan.

V. Die andere Innovation

Die These vom Krieg als Vater aller Dinge wäre schon damit fragwürdig. Unhaltbar wird sie durch das Gegenbeispiel, das die Welt 2020 geliefert hat. Innerhalb eines Jahres entwickelten Forscher in mehreren Ländern hochwirksame Impfstoffe gegen ein neues Virus. Die mRNA-Technik, an der zuvor jahrzehntelang ohne festes Ziel geforscht worden war, kam in der Notlage der Pandemie zur Anwendung. Was sonst zehn bis zwölf Jahre dauert, gelang in weniger als einem.

Es war derselbe Mechanismus wie im Krieg. Mittel wurden gebündelt, Verfahren vereinfacht, Dienstwege verkürzt, Wissen sofort geteilt. Ergebnisse standen frei im Netz, bevor andere Fachleute sie geprüft hatten. Behörden genehmigten Studien in Wochen statt in Jahren. Pharmafirmen konkurrierten und arbeiteten zugleich zusammen. Nichts davon braucht einen Krieg. Es braucht eine Notlage, die sich nicht abweisen lässt, und die Bereitschaft, die gewohnten Reibungen abzubauen.

Das zeigt, was die These verschleiert: Nicht die Gewalt bringt Neues hervor, sondern die unabweisbare Notlage, die zur Bündelung der Kräfte und zu schnellen Lösungen zwingt. Eine solche Notlage lässt sich nicht nach Belieben herstellen. Aber man kann eine bestehende als unabweisbar anerkennen. Die Klimakrise wäre ein Kandidat, die Versorgungssicherheit ein anderer, die Pflege ein dritter. Was als unabweisbar gilt und was nicht, ist eine politische Entscheidung. Derzeit wird nur die militärische Bedrohung so behandelt, alles andere gilt als laufendes Geschäft. Das ist kein Naturgesetz, sondern eine Wahl. Dass es auch wirtschaftlich die teuerste Wahl ist, zeigen die Zahlen in „Münchhausens Erben“: Ein Euro für Rüstung bringt höchstens fünfzig Cent zusätzliche Wirtschaftsleistung.

Dazu kommt eine ganze Klasse von Neuerungen, die in der These gar nicht vorkommen, weil sie nicht technisch sind: das Frauenwahlrecht, die Bürgerrechtsbewegung, die parlamentarische Demokratie, die Pressefreiheit, die freien Gewerkschaften. Sie wurden nicht in Schlachten errungen, sondern in Konflikten, die den Streit zur Methode machten und das Töten ausschlossen. Die Demokratie, sagt die Frankfurter Politikwissenschaftlerin Nicole Deitelhoff, „lebt vom Streit der Meinungen und Positionen in der öffentlichen Sphäre“. Das ist Heraklits pólemos im ursprünglichen Sinn: eine Spannung der Gegensätze, die etwas hervorbringt, ohne dass jemand stirbt.

Und schließlich gibt es die andere Seite der Bilanz, über die in dieser Debatte nie gesprochen wird: was der Krieg zerstört. Die mongolischen Feldzüge des dreizehnten Jahrhunderts verwüsteten Bewässerungssysteme, die über Generationen gewachsen waren. 1258 zerstörten die Mongolen Bagdad und mit ihm das Haus der Weisheit, in dem griechische, indische und persische Wissenschaft zusammenflossen. Nach der marokkanischen Eroberung von Timbuktu 1591 wurden die Gelehrten der westafrikanischen Wissenschaftsstadt verschleppt und ihre Bibliotheken zerstreut. Die europäische Kolonisierung löschte in Amerika, Afrika und Ozeanien ganze Wissenssysteme aus: Heilkunde, Sternkunde, Landbau, gesellschaftliche Ordnungen. Ihren Wert kann niemand mehr beziffern, weil die tot sind, die sie kannten. Wer den Krieg als Motor der Innovation preist, sieht, was sichtbar wurde, und übersieht, was nie entstehen konnte.

VI. Der Schweinebraten

Der englische Essayist Charles Lamb hat 1822 eine Geschichte erzählt, die er als chinesische Überlieferung ausgab. Ein Bauer hielt in seiner Holzhütte ein Schwein. Die Hütte brannte ab. In den Trümmern fand man das Schwein, perfekt gebraten und köstlich. Bald zündeten alle Leute der Gegend ihre Hütten an, um an diesen Braten zu kommen. Erst nach langer Zeit kam jemand auf die Idee, dass man das Schwein auch braten kann, ohne das Haus niederzubrennen.

Die These vom Krieg als Innovationsmotor ist die Haltung derer, die weiter Häuser anzünden, weil sie den Braten nicht ohne Brandstiftung herzustellen wissen. Sie übersehen, dass es einen Herd gibt. Sie übersehen, dass das Haus selbst einen Wert hat. Sie übersehen die Bewohner.

Nüchtern betrachtet: Der Krieg bündelt Mittel, das stimmt. Er hebt Hemmungen auf, auch das stimmt. Er bringt eine bestimmte Sorte von Neuerungen hervor, nämlich die, die der Logik der Megamaschine dient, weil sie die Mittel verteilt und die Hemmungen aufhebt. Aber er ist weder die einzige noch die beste Methode, Neues zu schaffen. Er ist die teuerste, die zerstörerischste und die mit der geringsten Bandbreite an Ergebnissen.

Warum greift eine Gesellschaft, die Tilly gelesen und mRNA-Impfstoffe in einem Jahr entwickelt hat, trotzdem immer wieder zur teuersten Methode? Warum verkürzt sie Heraklit, vergisst Timbuktu und tut so, als sei ein Programm des Pentagon eine Naturgewalt? Die Antwort braucht keinen Drahtzieher. Sie liegt in einem Gefüge, das von der Verkürzung lebt und sie deshalb am Leben hält, ohne dass jemand sie bestellen müsste.

Der Krieg ist nicht der Vater aller Dinge. Er ist der Vater einer bestimmten Sorte von Dingen, derjenigen, die das System braucht, das den Krieg bewirtschaftet. Alle anderen Dinge müssen sich andere Väter suchen.

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Hans Ley & Claude Dedo (Anthropic) — Nürnberg, 2. November 2026.

Quellen. Heraklit, Fragment B 53 (Diels/Kranz). · Charles Tilly, „Reflections on the History of European State-Making“, in: The Formation of National States in Western Europe, 1975. · Andrew F. Krepinevich, „The Military-Technical Revolution: A Preliminary Assessment“, Office of Net Assessment, Juli 1992; Neuausgabe mit Vorwort von Andrew W. Marshall, Center for Strategic and Budgetary Assessments, 2002. · Lothar Rühl, Beitrag zur „Revolution in Military Affairs“, Die politische Meinung, Juli 2000. · Carsten K. W. De Dreu u. a., „Conflict and creativity: Threat-rigidity or motivated focus?“, Universität Amsterdam. · Nicole Deitelhoff, „Streiten für die Demokratie“, Forschung & Lehre. · U.S. Department of Defense, „Operation Epic Fury Fact Sheet“, März 2026. · Charles Lamb, „A Dissertation upon Roast Pig“, 1822.