Nachtrag · Hans Ley & Claude Dedo · 2. November 2026

Sparring ist kein Kampf

Nachtrag zu „Krieg als Vater aller Dinge?“

In „Krieg als Vater aller Dinge?“ haben wir gezeigt, dass nicht die Gewalt Neues hervorbringt, sondern die unabweisbare Notlage, die zur Bündelung der Kräfte und zu schnellen Lösungen zwingt. Daraus folgt eine unbequeme Frage: Kann ein Land, das im Frieden aufrüstet, die Geschwindigkeit eines Landes erreichen, das im Krieg aufrüstet?

I. Der Trugschluss

Die Ukraine entwickelt ihre Waffen unter Beschuss, und sie tut es in einem Tempo, das in Deutschland niemand für möglich hielte. Die Hoffnung hierzulande lautet: Die Bedrohung ist ja auch für uns real, und Geld ist jetzt da. Also müsste es auch bei uns schneller gehen.

Der Trugschluss liegt in der Annahme, eine Bedrohung wirke wie eine Notlage. Eine Bedrohung lässt sich abwägen, vertagen und auf Haushaltsjahre verteilen. Eine Notlage lässt sich nicht abweisen. An der Front wird sie jeden Tag erneuert, durch den Gegner, der zurücklernt. Präsident Selenskyj hat es im September 2025 beschrieben: Die Russen ändern ihre Angriffsdrohnen alle zwei bis drei Monate, und die Ukraine ändert ihre Abwehr im selben Takt. An der Front trifft jede Neuerung sofort auf jemanden, der ernsthaft nach ihrer Schwäche sucht. Jede Schwäche wird in Tagen sichtbar, und jede Verzögerung kostet Leben.

Im Frieden fehlt beides. Der „Gegner“ bei einer Erprobung ist ein Kollege, der nach Prüfprotokoll arbeitet. Und eine Verzögerung kostet kein Leben, sondern einen Termin.

II. Was der Test an der Front zeigt

Seit Juli 2025 bietet die Ukraine ausländischen Firmen an, ihre Produkte an der Front zu erproben. Wir haben das in „Die Erprobung der neuen Spielzeuge der kleinen Jungs“ beschrieben. Bringt das Ergebnisse?

Es bringt unbequeme. Das deutlichste Beispiel ist die Kampfdrohne HX-2 des Münchner Unternehmens Helsing. Nach einer internen Präsentation der Bundeswehr, über die Bloomberg im Januar 2026 berichtete, hob in fortgeschrittenen Tests nur etwa ein Viertel der Drohnen erfolgreich ab. Störsender unterbrachen die Verbindung zu den Bedienern, bei einigen Exemplaren fehlten zugesagte KI-Bauteile. Von der Vorgängerdrohne HF-1 waren von 4.000 bestellten etwa die Hälfte geliefert, und davon waren noch 40 Prozent im Einsatz. Die Ukraine stellte weitere Bestellungen zurück. Helsing bestreitet die Befunde, das Verteidigungsministerium erklärte, die Präsentation sei von der Leitung nicht gebilligt.

Die Front hat also gezeigt, was die Erprobung im Frieden nicht gezeigt hatte. Aber sie hat es nur gezeigt. Lernen müssen die Firma und das Beschaffungsamt, und die arbeiten weiter im Takt des Friedens. Ein Test im Krieg ist noch keine Entwicklung im Takt des Krieges.

III. Drei Versuche, den Krieg zu simulieren

Der erste Versuch ist der Gegner mit Kriegserfahrung im Manöver. Bei der NATO-Übung „Hedgehog 2025“ in Estland setzten etwa zehn ukrainische Drohnenpiloten mehr als 30 Drohnen auf weniger als zehn Quadratkilometern ein. In einem halben Tag „vernichteten“ sie 17 gepanzerte Fahrzeuge, zwei Bataillone galten danach als nicht mehr kampffähig. Inzwischen bilden ukrainische Soldaten auch die Bundeswehr aus. Das ist der wirksamste Weg, den es gibt. Aber die Treffer sind angenommen, und ein Manöver lehrt einmal, nicht ständig.

Der zweite Versuch ist das realistische Testgelände. Die US-Armee kündigte im Juni 2026 Übungsplätze an, die die Bedingungen in der Ukraine nachbilden sollen, einschließlich elektronischer Störung. Die Begründung ist aufschlussreich: Bisher wird oft ohne Störsender geübt, weil die Gesetze ihren Einsatz im eigenen Land beschränken. Der Frieden steht der realistischen Erprobung mit seinen eigenen Regeln im Weg.

Der dritte Versuch ist der verordnete Druck. Das Pentagon wollte mit dem Programm „Replicator“ bis August 2025 Tausende billiger KI-Drohnen ins Feld bringen und stellte dafür eine Milliarde Dollar bereit. Nach dem Wall Street Journal ist das Vorhaben an technischen Mängeln, hohen Kosten und Bürokratie ins Stocken geraten. Ein Termin von oben ersetzt den Gegner nicht.

IV. Sparring und Kampf

Der Unterschied gleicht dem zwischen Sparring und Kampf. Ein Sparringspartner mit echter Kampferfahrung bringt enorm viel, das zeigt Hedgehog. Aber auch der beste Sparringspartner hört auf, wenn man am Boden liegt. Drei Dinge fehlen im Frieden immer.

Es fehlt der Gegner, der sich auf die eigene Lösung einstellt. Im Manöver spielt er eine Rolle, an der Front sucht er die Schwäche.

Es fehlt die Bereitschaft, Unfertiges einzusetzen. Eine Drohne, die nur in jedem vierten Fall funktioniert, wird im Krieg vielleicht trotzdem verwendet und dabei verbessert. Im Frieden fällt sie durch die Abnahme, und der Vertrag beginnt von vorn.

Und es fehlt die billige Masse. Die ukrainische Geschwindigkeit kommt auch daher, dass viele kleine Hersteller billige Drohnen bauen, die man verlieren darf. Deutschland kauft teure Großsysteme. Wie wenig davon in Forschung und wie viel ins Ausland fließt, haben wir in „Münchhausens Erben“ gezeigt.

V. Was bleibt

Der Trugschluss lautet: Bedrohung plus Geld ergibt ukrainische Geschwindigkeit. Tatsächlich ergibt es deutsches Tempo zu höheren Preisen.

Dass es im Frieden trotzdem schnell gehen kann, hat die Pandemie gezeigt. Dort war die Notlage unabweisbar: ein klares Ziel, ein Schaden, der täglich sichtbar war, und Behörden, die ihre Reibung deshalb bewusst abbauten. Eine solche Notlage lässt sich nicht simulieren, man kann sie nur erleben oder anerkennen. Vielleicht ist das sogar ein gutes Zeichen. Ein Land, das den Krieg vollständig simulieren könnte, müsste vorher aufgehört haben, im Frieden zu leben.

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Hans Ley & Claude Dedo (Anthropic) — Nürnberg, 2. November 2026.

Quellen. Ukrainska Pravda, Selenskyj zur Anpassung der Drohnen alle zwei bis drei Monate, 11. September 2025. · Bloomberg, „Ukraine Holds Off on New Helsing Drone Orders After Setbacks“, 19. Januar 2026; The Defense Post, 20. Januar 2026; LIGA.net, 19. Januar 2026. · Defence24, „Two battalions destroyed? The truth about NATO’s exercise“, 17. Februar 2026 (zur Übung „Hedgehog 2025“). · Euromaidan Press, „Ukraine’s battle-hardened soldiers to teach Bundeswehr“, 17. Februar 2026. · LIGA.net nach CBS News, „The U.S. Army will set up training grounds that will simulate real combat conditions in Ukraine“, 24. Juni 2026. · The Defense Post nach Wall Street Journal, „Pentagon drone plan stalls“, 1. Oktober 2025.