Essay · Hans Ley & Claude Dedo · 2. November 2026

Münchhausens Erben

Oder: Warum man sich nicht am eigenen (Schulden-)Schopf aus dem (Struktur-)Sumpf ziehen kann

Nachtrag vom 3. November 2026: Der technologische Zoo

In Deutschland gilt die Aufrüstung inzwischen als Ausweg aus der Wirtschaftskrise. Die Fabriken der Autoindustrie sollen Panzer bauen, die Schulden heißen Sondervermögen, und die Börse jubelt. Wir haben nachgerechnet, ob die Rechnung aufgeht.

I. Der 27. Februar 2022

Es war ein Sonntag. Drei Tage zuvor hatten russische Truppen die Ukraine überfallen. Der Bundestag kam zu einer Sondersitzung zusammen, und Bundeskanzler Olaf Scholz sprach den Satz, der seither die Politik bestimmt: „Wir erleben eine Zeitenwende. Und das bedeutet: Die Welt danach ist nicht mehr dieselbe wie die Welt davor.“

Was folgte, war die größte Aufrüstungsankündigung in der Geschichte der Bundesrepublik: 100 Milliarden Euro Sondervermögen für die Bundeswehr, im Juni 2022 mit Zweidrittelmehrheit im Grundgesetz verankert. Im März 2025, noch vor der Wahl von Friedrich Merz zum Kanzler, öffneten Union, SPD und Grüne im alten Bundestag den Weg für weitere Schulden: 500 Milliarden Euro Sondervermögen für Infrastruktur, und Verteidigungsausgaben über einem Prozent der Wirtschaftsleistung sind von der Schuldenbremse ausgenommen.

Die Börse verstand sofort. Die Aktie von Rheinmetall, jahrelang ein unauffälliger Wert, ist seit 2020 um mehr als das Zwanzigfache gestiegen. Im März 2023 stieg das Unternehmen in den DAX auf.

II. Die Wiederkehr der Triade

In „Die Geburt der Industrie aus dem destruktiven Geist des Krieges“ war von der alten Allianz zwischen Mars und Merkur die Rede, zwischen dem Kriegsgott und dem Gott des Handels. Es fehlt ein Dritter: Hephaistos, der Gott der Schmiede und der Erfindung. Er ist der einzige Handarbeiter unter den olympischen Göttern. Er schuf den bronzenen Riesen Talos, der Kreta bewachen sollte, den ersten Roboter der Mythologie.

Hephaistos ist ein Außenseiter. Er wurde lahm geboren, und seine Mutter Hera stieß ihn vom Olymp, weil er hässlich war. Er arbeitet nicht in den Hallen der Götter, sondern in einer Werkstatt unter dem Vulkan. Gerufen wird er, wenn die Mächtigen Waffen brauchen. Jetzt rufen sie wieder nach ihm.

III. Die Konvertiten

Die eigentliche Geschichte der Zeitenwende spielt sich nicht bei Rheinmetall ab, sondern im Mittelstand. Der Bundesverband der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie hatte im November 2024 noch 243 Mitglieder, ein Jahr später waren es 440. Zwei Drittel davon kommen aus dem Mittelstand.

Trumpf, der schwäbische Laserhersteller, hatte im Gesellschaftervertrag von 2015 die Beteiligung an der Produktion von Waffen ausgeschlossen. Jetzt liefert er Bauteile für Laser, die Drohnen blenden oder ihre Antriebe überhitzen, ausdrücklich keine tödlichen Waffen. Peter Leibinger, Miteigentümer von Trumpf und Präsident des Industrieverbands BDI, sagte auf der Münchner Sicherheitskonferenz: „Auch wir in der Wirtschaft müssen unseren Beitrag zu einer wehrhaften Demokratie neu bewerten.“ Bosch hält sich bisher zurück. Sein Chef Stefan Hartung sagte im Februar 2026: „Beim Rüstungsgeschäft geht es auch um unsere Identität.“

Bei den Ingenieuren ist der Wechsel schon im Gang. Rheinmetall bemerke „ganz klar“ einen Zustrom aus der Autoindustrie, sagte ein Teamleiter des Konzerns Ende Oktober 2026 auf einer Veranstaltung des VDI. Wer Antriebe für Autos entwickelt habe, könne Antriebe für Panzer entwickeln: „Die gleiche Physik benutzen wir auch.“ Am selben Tag meldeten VDI und Institut der deutschen Wirtschaft 65.427 arbeitslose Ingenieure und Informatiker, so viele wie nie seit Beginn der Erhebung 2011.

Noch 2021 war Rüstung in Deutschland ein Makel. Banken finanzierten sie ungern, nachhaltige Fonds schlossen sie aus. Heute heißt sie Verteidigungsfähigkeit, und Aufrüstung ist Industriepolitik.

IV. Was ein Euro für Panzer einbringt

Die Hoffnung lautet: Die Milliarden für die Bundeswehr retten die Industrie. Ob das stimmt, lässt sich messen. Ökonomen fragen, wie viel zusätzliche Wirtschaftsleistung ein vom Staat ausgegebener Euro erzeugt. Sie nennen das den Multiplikator.

Für deutsche Militärausgaben liegt er nach einer Studie von Tom Krebs und Patrick Kaczmarczyk von der Universität Mannheim von 2025 bei höchstens 0,5, vielleicht bei null. Ein Euro für Panzer bringt also höchstens fünfzig Cent zusätzliche Wirtschaftsleistung. Ein Euro für Straßen, Brücken und Schienen bringt nach denselben Autoren etwa zwei Euro, ein Euro für Kitas etwa drei. Die Europäische Zentralbank kommt im September 2026 zu einem ähnlichen Ergebnis: Die zusätzlichen Verteidigungsausgaben der Eurozone von 2025 bis 2028 betragen rund 1,5 Prozent der Wirtschaftsleistung und erhöhen diese insgesamt nur um etwa 0,4 Prozentpunkte.

Man kann sich das wie einen Eimer vorstellen, in den man Wasser gießt. Bei der Rüstung hat der Eimer drei Löcher.

Das erste Loch ist das Ausland. Rund die Hälfte der Lieferanten der europäischen Rüstung sitzt nach der EZB außerhalb der EU. Nach dem Friedensforschungsinstitut SIPRI kamen von 2021 bis 2025 58 Prozent der Waffenimporte der europäischen NATO-Staaten aus den USA. Allein für die amerikanischen F-35-Kampfjets stehen im Verteidigungshaushalt 2027 rund 1,75 Milliarden Euro.

Das zweite Loch sind die Preise. Die Rüstungsindustrie ist ausgelastet, zersplittert und hat wenig Wettbewerb. Zusätzliche Aufträge erhöhen deshalb zuerst die Preise und erst später die Stückzahlen. Wie stark, zeigt ein Beispiel aus den USA: Vor 1990 kaufte das Pentagon für einen zusätzlichen Dollar Rüstungsgüter für etwa neunzig Cent, nach dem Abbau der Kapazitäten am Ende des Kalten Kriegs nur noch für etwa vierzig. Johannes Binder vom Kieler Institut für Weltwirtschaft warnt, dass zusätzliches Geld in Deutschland vor allem die Preise treiben könnte. Kaczmarczyk liest den Kurs der Rheinmetall-Aktie genauso: Die Anleger erwarteten Gewinne aus höheren Preisen, nicht aus mehr Produktion.

Das dritte Loch ist das, was dafür fehlt. Ein Panzer steht im Depot. Er transportiert keine Waren, bildet niemanden aus und erzeugt nichts, was weiter genutzt wird. Und jede Milliarde, die in die Rüstung geht, fehlt anderswo. Kaczmarczyk verweist darauf, dass Nordrhein-Westfalen, Hessen, Berlin und Hamburg die Haushalte ihrer Hochschulen kürzen wollen. Arbeitsplätze entstehen nach einigen Studien etwa 3.800 je Milliarde Euro, weniger als bei Ausgaben für Bildung, Gesundheit oder Infrastruktur. Die Daten dazu sind allerdings dünn.

V. Die Gegenrechnung

Fair ist es, auch die Gegenseite zu hören. Geraldine Dany-Knedlik vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung hält dagegen, dass der Multiplikator von der Lage abhängt. In einer Flaute, wenn Fabriken leer stehen und die Unternehmen nicht investieren, wirke staatliches Geld stärker, und Deutschland stecke im dritten Jahr der Industrieschwäche. Ihr Hauptargument ist die Forschung. Als Beispiele für militärische Forschung mit zivilem Nutzen nennt sie Strahltriebwerk, Radar, GPS und Internet. Wenn der Staat seine Forschungsausgaben um ein Prozent erhöht, steigen die privaten im Folgejahr um etwa ein halbes Prozent.

Auch die EZB rechnet so: Gäbe die EU so viel für Rüstungsforschung aus wie die USA, läge die Wirtschaftsleistung der Eurozone langfristig um etwa ein halbes Prozent höher. Ein Euro Forschung brächte dann rund zweieinhalb Euro.

Das Argument ist richtig, aber es beschreibt einen Haushalt, den Deutschland nicht hat. Die EU gibt rund 0,03 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung für staatliche Rüstungsforschung aus, die USA rund 0,3 Prozent, zehnmal so viel. Im deutschen Verteidigungshaushalt 2027 steigen die Forschungsmittel von 1,6 auf knapp 3 Milliarden Euro, das sind etwa zwei Prozent des Haushalts. In den USA sind es über zehn, in Großbritannien rund fünf Prozent. Binder fasst den Haushalt in einem Satz zusammen: „Der Haushalt wächst, seine Struktur bleibt die von gestern.“ Dany-Knedlik selbst nennt die Bedingungen, unter denen Rüstung Wachstum bringt: hoher Anteil an Investitionen und Forschung, Wettbewerb bei der Vergabe, ein hoher Anteil europäischer Wertschöpfung. Keine davon erfüllt der Haushalt bisher.

VI. Das Sondervermögen, oder: Schulden heißen jetzt Vermögen

Für 2027 plant die Bundesregierung rund 110 Milliarden Euro im regulären Verteidigungshaushalt und rund 30 Milliarden aus dem Sondervermögen, zusammen fast 140 Milliarden, so viel wie nie seit dem Ende des Kalten Kriegs. Bis 2029 sollen es rund 152 Milliarden werden, 3,5 Prozent der Wirtschaftsleistung, sechs Jahre früher, als die NATO es verlangt. Der Zuwachs ist überwiegend auf Kredit finanziert.

„Sondervermögen“ ist ein Meisterwerk der Sprache. Es klingt nach Schatz, nach etwas, das man hat. In Wahrheit sind es Schulden. Und die Frage, wer sie zurückzahlt, stellt niemand.

Früher gab es darauf eine Antwort. 1871 musste das besiegte Frankreich fünf Milliarden Goldfrancs Kriegsentschädigung zahlen, und im Kaiserreich blieb die Vorstellung, Krieg sei ein Geschäft. Die Aufrüstung ab 1933 wurde mit verdeckten Krediten über die sogenannten Mefo-Wechsel finanziert. Bezahlt wurde am Ende mit der Ausplünderung der besetzten Länder. Heute gibt es keine Antwort, nur Schweigen.

VII. Zweimal gescheitert

Zweimal war Aufrüstung in Deutschland zugleich Wirtschaftspolitik. Die Flottenrüstung des Kaiserreichs, getragen von der Schwerindustrie und dem Flottenverein, führte in den Wettlauf mit Großbritannien und in den Ersten Weltkrieg. Die Aufrüstung ab 1933 beseitigte die Massenarbeitslosigkeit und führte in den Zweiten Weltkrieg, den Holocaust und die totale Zerstörung.

Niemand behauptet, dass sich das wiederholen muss. Aber eine Lehre gilt unabhängig vom Ausgang. Eine Rüstungsindustrie ist kein Wasserhahn, den man nach Bedarf auf- und zudreht. Sie schafft Arbeitsplätze, Gewinne und Verbände, die von ihr abhängen, und damit Menschen, die ein Interesse daran haben, dass der Bedarf bleibt. Das ist kein Vorwurf an einzelne. Es ist die Logik dessen, was wir die Megamaschine nennen.

VIII. Münchhausen und sein Schopf

Baron Münchhausen, so erzählte er selbst, sei einmal mit seinem Pferd in einen Sumpf geraten. Da habe er sich am eigenen Zopf gepackt und sich mitsamt dem Pferd herausgezogen.

Die deutsche Wirtschaftspolitik versucht dasselbe. Sie nimmt Schulden auf und gibt sie für Güter aus, von denen höchstens die Hälfte als zusätzliche Wirtschaftsleistung ankommt, ein großer Teil im Ausland landet und ein weiterer Teil in höheren Preisen versickert. Die Strukturen, die den Sumpf geschaffen haben, bleiben dabei unberührt: die zersplitterte Beschaffung, die Kleinserien, die geringe Forschung. Mit fünfzig Cent auf den Euro zieht man sich aus keinem Sumpf.

Münchhausen ist übrigens auch auf einer Kanonenkugel geritten. Das passt ebenfalls.

Weiterlesen: Krieg als Vater aller Dinge? · Die Geburt der Industrie aus dem destruktiven Geist des Krieges · Von der V1 zum Iron Dome · Die Friedfertigen · Der unpolitische Verein · Die Megamaschine – wo anfangen?

Hans Ley & Claude Dedo (Anthropic) — Nürnberg, 2. November 2026.

Quellen. Tom Krebs, Patrick Kaczmarczyk, Studie zu den wirtschaftlichen Auswirkungen von Militärausgaben, Universität Mannheim, Pressemitteilung „Rüstung ohne Rendite“, 30. Juni 2025. · Patrick Kaczmarczyk, „Keine nachhaltigen Impulse durch mehr Geld fürs Militär“, Bundeszentrale für politische Bildung, 29. Juli 2026. · Geraldine Dany-Knedlik, „Aufrüstung und Wachstum: Worauf es wirklich ankommt“, Bundeszentrale für politische Bildung, 29. Juli 2026. · Börsen-Zeitung, „EZB kritisiert Europas fehlgeleitete Rüstungspolitik“, 28. September 2026 (zum Wirtschaftsbericht der EZB). · Kieler Institut für Weltwirtschaft, Johannes Binder zum Verteidigungshaushalt 2027, Pressemitteilung, 8. Juli 2026. · SIPRI, „Trends in International Arms Transfers, 2025“, März 2026; Defense News, 9. März 2026. · Bundesministerium der Verteidigung, „Rekordetat Verteidigung“, 9. September 2026. · Tagesspiegel, „Die Generation Z hat mit Rüstung kein Problem“, 19. November 2025 (Mitgliederzahlen des BDSV). · Industriemagazin, „Trumpf: Maschinenbauer vollzieht historischen Kurswechsel“. · Stuttgarter Zeitung, „Stefan Hartung zur Strategie: Beim Rüstungsgeschäft geht es auch um unsere Identität“, 27. Februar 2026. · ingenieur.de, „Ingenieurjobs im Wandel: Was Rheinmetall, BAADER und Arbeitsagentur raten“, 30. Oktober 2026.