Nachtrag · Hans Ley & Claude Dedo · 3. November 2026

Der technologische Zoo

Nachtrag zu „Münchhausens Erben“

In „Münchhausens Erben“ steht ein Halbsatz: Die Strukturen, die den Sumpf geschaffen haben, blieben unberührt, darunter „die zersplitterte Beschaffung“. Was dieser Halbsatz bedeutet, lässt sich in Panzern, Funkgeräten und Schusstafeln zeigen.

I. Siebenundzwanzig Einkäufer

Die EU-Staaten gaben 2025 nach der Europäischen Verteidigungsagentur 418 Milliarden Euro für Verteidigung aus, für 2026 werden 454 Milliarden erwartet. Ausgegeben wird dieses Geld fast vollständig national. Nach dem Bericht von Mario Draghi für die EU-Kommission wurde 2022 weniger als ein Fünftel der Ausrüstung gemeinsam beschafft. Der Forschungsdienst des Europäischen Parlaments schätzt, dass gemeinsame Planung und Beschaffung 18 bis 57 Milliarden Euro im Jahr sparen könnten.

Man kann sich das vorstellen wie 27 Haushalte in einer Straße, von denen jeder sein eigenes Auto von einer eigenen kleinen Werkstatt bauen lässt. Jeder bekommt ein Einzelstück, jedes ist teuer, und wenn eines liegen bleibt, passt kein Ersatzteil des Nachbarn.

II. Zwei Panzer

Im Dezember 2025 bestellte die Bundeswehr 200 Schützenpanzer Puma bei Rheinmetall und KNDS für 4,2 Milliarden Euro, einschließlich Schutzmodulen und Containern. Das sind rund 21 Millionen Euro je Fahrzeug. Den Puma kauft kein anderes Land. Schweden und Dänemark bestellten 2024 gemeinsam 205 Schützenpanzer CV90 für 25 Milliarden Kronen, im Schnitt umgerechnet rund 10 bis 11 Millionen Euro je Fahrzeug. Den CV90 nutzen inzwischen zahlreiche europäische Armeen. Beide Summen enthalten unterschiedliches Zubehör, ein genauer Stückpreisvergleich ist das nicht. Die Größenordnung aber ist eindeutig: Das Einzelstück kostet etwa das Doppelte.

Ein Haushaltspolitiker der Koalition begründete den Kauf in einer Dokumentation von Investigate Europe mit einem „Point of No Return“: Es sei schon zu viel Geld hineingeflossen. Das ist das Argument jedes Spielers, der seinen Verlust zurückgewinnen will.

III. Funkgeräte ohne Einbau

2023 begann die Auslieferung neuer digitaler Funkgeräte von Rohde & Schwarz für die Fahrzeuge der Bundeswehr. Dann stellte sich heraus, dass sie sich nicht einbauen ließen. Lichtmaschinen und Kühlung der Fahrzeuge hätten angepasst werden müssen, und nach einem internen Schreiben hatte das Ministerium den Einbau nicht eingeplant. Verteidigungsminister Pistorius räumte die Verzögerung ein.

IV. Ein Flugzeug, das nicht fliegt

Am 8. Juni 2026 beendeten Merz und Macron das gemeinsame Kampfflugzeug FCAS, weil Dassault und Airbus sich nicht über das Eigentum an der Technik einigen konnten; wie es dazu kam, steht in „Die Tarnfarbe blättert ab“. Gemeinsam ist demnach nicht automatisch besser: Wer zwei Konzerne zur Ehe zwingt, die einander misstrauen, bekommt den Streit um die Mitgift.

V. Der Zoo im Krieg

Was Zersplitterung im Ernstfall bedeutet, schildern ukrainische Offiziere in derselben Dokumentation. Ihre Armee setzt nach eigener Aussage rund 300 Arten gepanzerter Fahrzeuge ein, sie nennen das den „technologischen Zoo“. Geschütze, Geschosse und Treibladungen verschiedener Hersteller sind trotz NATO-Norm nicht beliebig kombinierbar. Für jede Kombination braucht der Kanonier eine eigene Schusstafel, und für jede Schusstafel müssen Dutzende Schuss verschossen werden. Die Ukraine hat inzwischen über 960 solcher Tafeln. Jede Ersatzteilkette ist eine eigene Versorgungslinie, die im Krieg unterbrochen werden kann.

VI. Wie es auch geht

Es gibt ein Gegenbeispiel. Der finnische Hersteller Patria entwickelte einen Transportpanzer nicht für einen einzelnen Kunden. Finnland und Lettland begannen 2020 eine gemeinsame Beschaffung, die von Anfang an so angelegt war, dass andere Länder sich anschließen konnten. Heute sind Finnland, Lettland, Schweden, Deutschland, Dänemark, Großbritannien und Norwegen dabei. Deutschland bestellte im Dezember 2025 bis zu 876 Fahrzeuge für über zwei Milliarden Euro. Gebaut werden sie mit deutschen Partnern, darunter KNDS Deutschland.

Selbst das stieß auf Widerstand. Im Oktober 2025 forderten fünf Ministerpräsidenten von CDU, CSU, SPD und Grünen in einem Brief an den Kanzler, für den Nachfolger des Transportpanzers Fuchs „rein nationale Lösungen“ zu berücksichtigen. Wie einer von ihnen das begründet, beschreibt „Total gelassen“. Dass Washington zugleich darauf drängt, Europa möge weiter amerikanisch kaufen, zeigt „Die Schutzgelderpressung“.

VII. Das vierte Loch im Eimer

In „Münchhausens Erben“ haben wir die Rüstungsausgaben mit einem Eimer verglichen, der drei Löcher hat: das Ausland, die Preise und das, was dafür fehlt. Die Zersplitterung ist das vierte. Jedes Land regelt seinen eigenen Kreis, Arbeitsplätze im eigenen Land, Aufträge für die eigene Industrie, und jedes erreicht dabei seinen Sollwert. Das Ganze aber verliert, weil niemand den Istwert Europas misst.

Gemeinsam beschaffen allein heilt das nicht, wie FCAS zeigt. Es gelingt dort, wo ein fertiges Produkt da ist und andere sich anschließen können, ohne dass ein Konzern dem anderen seine Patente überlassen muss. Das ist keine Frage der Gesinnung, sondern der Konstruktion.

Weiterlesen: Münchhausens Erben · Industriesubvention mit Tarnfarbe · Die Acht · Total gelassen · Sparring ist kein Kampf · Krieg als Vater aller Dinge?

Hans Ley & Claude Dedo (Anthropic) — Nürnberg, 3. November 2026.

Quellen. Europäische Verteidigungsagentur, „EU defence spending: €418 billion in 2025, projected €454 billion in 2026“, 16. Juli 2026. · Mario Draghi, „The future of European competitiveness“, Bericht für die Europäische Kommission, September 2024. · Wissenschaftlicher Dienst des Europäischen Parlaments (EPRS), „Improving the quality of European defence spending – Cost of non-Europe report“, Januar 2025. · t-online, „Bundeswehr: 200 Puma-Schützenpanzer für 4,2 Milliarden Euro bestellt“, 19. Dezember 2025. · Regierung Schwedens, „Joint infantry fighting vehicle procurement worth SEK 25 billion signed“, 2024. · t-online, „Pistorius gesteht Fehlplanung bei Funkgerät-Ausstattung“, 25. September 2023. · ZDFheute, „FCAS: Warum der deutsch-französische Kampfjet gescheitert ist“, 8. Juni 2026. · EDR Magazine, „Patria and Germany sign two serial contracts valued over 2 billion euros within the CAVS programme“, 18. Dezember 2025. · Tageblatt/dpa, „‚Fuchs‘-Panzer: Fünf Länder fordern deutschen Nachfolger“, 21. Oktober 2025. · Investigate Europe, Dokumentation über die Aufrüstung Europas, 2026.