Total gelassen
Hendrik Wüst, der Fuchs und die Kunst, zwei Dinge zugleich zu meinen
Bundeskanzler Merz fordert, Europa solle Waffen gemeinsam kaufen. Hendrik Wüst sagt, da habe er recht. Kurz zuvor hatte Wüst mit vier Kollegen genau dagegen protestiert. Danach gefragt, ist er „total gelassen“.
I. Der Brief
Am 21. Oktober 2025 wurde ein Brief bekannt, den fünf Ministerpräsidenten an Bundeskanzler Merz geschrieben hatten: Boris Rhein aus Hessen, Hendrik Wüst aus Nordrhein-Westfalen, Markus Söder aus Bayern, Winfried Kretschmann aus Baden-Württemberg und Olaf Lies aus Niedersachsen. Es ging um den Nachfolger des Transportpanzers Fuchs. Der Bund erwog, ihn im Ausland zu kaufen.
Die fünf baten, „rein nationale Lösungen zusätzlich zu berücksichtigen, aus inländischer Produktion mit inländischer Wertschöpfung“. Das Ziel sei, „ein Kampffähigkeitspaket für die Bundeswehr mit einem Konjunkturpaket für unser Land zu verbinden“. Die Mehrkosten eines Wechsels auf ein anderes System seien nicht ausreichend berücksichtigt.
Im Dezember 2025 bestellte die Bundeswehr trotzdem bis zu 876 Transportpanzer des finnischen Herstellers Patria, in einem gemeinsamen Programm mit sechs anderen Ländern. Gebaut werden sie mit deutschen Partnern, darunter KNDS Deutschland.
II. Das Interview
Das Rechercheteam Investigate Europe fragte alle fünf nach dem Brief. Nur einer antwortete, und das spricht für ihn: Hendrik Wüst.
Ob er der Forderung des Kanzlers nach gemeinsamer Beschaffung folge? „Ich glaube, das stimmt. Ich glaube, da hat er recht.“
Warum er dann gegen genau so eine gemeinsame Beschaffung protestiert habe? „Als Ministerpräsident eines industriestarken Landes will ich keine Chance ungenutzt lassen, dass möglichst viel bei uns stattfindet. Das ist aber normales Geschäft, zu werben für seine Industrie. Und wenn es gelingt, freuen wir uns. Und wenn es nicht gelingt, dann verkaufen auch mal andere bei uns.“ Und: „Wenn es dann anders ausgeht, muss man nicht nachkarten.“
Auf den Einwand, die finnischen Fahrzeuge würden doch größtenteils in Deutschland gebaut: „Na, so ist das in der Branche ja üblich. Wenn unsere Hersteller im Ausland verkaufen, produzieren sie auch da. Deswegen bin ich da jetzt auch total gelassen.“
III. Was die Antworten sagen
Man lese die Sätze nacheinander. Der Kanzler hat recht. Der Brief gegen das, was der Kanzler fordert, war normales Geschäft. Ob er Erfolg hatte, ist gleichgültig. Und dass das Fahrzeug, gegen dessen Kauf er schrieb, ohnehin bei uns gebaut wird, beunruhigt ihn nicht. Jeder Satz ist für sich unangreifbar. Zusammen ergeben sie nichts.
Das ist es, was wir Konfetti nennen: Wörter, die bunt sind, leicht und billig, die überall hinfallen und nichts tragen. Konfetti ist keine Lüge. Wüst sagt nichts Falsches. Er sagt nur zu jeder Seite das, was sie hören will, und verlässt sich darauf, dass niemand die Sätze nebeneinanderlegt.
IV. Was falsch ist
Gnadenlos betrachtet halten drei Punkte nicht.
Erstens ist ein Ministerpräsident kein Vertreter seiner Industrie. Das Geld, um das er wirbt, ist nicht das Geld Nordrhein-Westfalens, sondern das Geld aller Steuerzahler im Bund. Wer dafür wirbt, dass es teurer ausgegeben wird, damit mehr davon im eigenen Land ankommt, wirbt nicht für seine Industrie, sondern gegen die Steuerzahler der anderen Länder, und am Ende auch gegen die eigenen.
Zweitens beruht der Brief auf einer Annahme, die nicht stimmt. Rüstung als „Konjunkturpaket“ haben wir in „Münchhausens Erben“ geprüft: Ein Euro für Panzer bringt nach einer Mannheimer Studie höchstens fünfzig Cent zusätzliche Wirtschaftsleistung, ein Euro für Kitas etwa drei Euro. Wer Konjunktur will, sollte Kitas bauen. Was der Brief verlangt, haben wir in „Industriesubvention mit Tarnfarbe“ beschrieben, nur dass hier die Tarnfarbe fehlt: Die fünf schreiben offen hin, dass die Rüstung die Industrie stützen soll.
Drittens trägt das Argument der „inländischen Wertschöpfung“ nicht, wenn das ausländische Fahrzeug im Inland gebaut wird. Was der Brief tatsächlich verteidigt, ist nicht die deutsche Arbeit, sondern der deutsche Auftragnehmer, also einen bestimmten Konzern.
V. Warum gerade er
Wüst war nicht allein. Vier Kollegen aus CDU, CSU, SPD und Grünen haben denselben Brief unterschrieben und sich den Fragen nicht gestellt. Dass Wüst geantwortet hat, rechnen wir ihm an. Aber gerade seine Antwort zeigt das Muster, das der Politikwissenschaftler Federico Santopinto in derselben Dokumentation beschreibt: In Brüssel zustimmen, zu Hause das Gegenteil tun. „Schizophren“ nennt er das.
Wüst galt 2024 als möglicher Kanzlerkandidat der Union. Von einem, der das Land führen will, darf man erwarten, dass er sagt, was er will. Wer auf jede Frage zwei Antworten hat, hat keine. Und wer zu allem „total gelassen“ ist, ist für nichts verantwortlich.
VI. Was daraus folgt
Ein Regelungstechniker würde sagen: Hier wird ein Sollwert verkündet und ein anderer geregelt. Der verkündete heißt europäische Zusammenarbeit, der geregelte heißt Aufträge für das eigene Land. Solange niemand die beiden vergleicht, merkt es keiner. Der Vergleich ist die Aufgabe der Öffentlichkeit. Diesmal hat ihn ein Rechercheteam geleistet, mit einer Kamera und zwei Fragen.
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