Die Bewirtschaftung einer ruhmlosen Vergangenheit
Die Bewirtschafter der eigenen Person (1): Joschka Fischer
Wer nichts Bleibendes hinterlassen hat, kann immer noch seinen Namen vermarkten. Joschka Fischer vermarktet ihn seit zwanzig Jahren.
I. Der Text
Am 28. Oktober 2026 erschien in deutschen Zeitungen ein Text von Joschka Fischer mit der Überschrift „Europas größter Feind sitzt im eigenen Haus“. Er stammt von Project Syndicate, das Fischers Kolumne „The Rebel Realist“ jeden Monat an Zeitungen in aller Welt verkauft. Fischer warnt darin vor Marine Le Pen und der AfD, vor dem „egozentrischen Nationalismus“, den er Europas „selbstzerstörerischste Erbkrankheit“ nennt. Europa habe in der Ukraine-Frage eine „geschlossene Front“ gebildet und zeige „seine Entschlossenheit, zu einer eigenständigen Weltmacht zu werden“. Wenn die Nationalisten gewännen, drohe ein Diktatfrieden.
Warum die Nationalisten gewinnen, fragt Fischer nicht. Die Schuldenkrise Frankreichs und die schwache Bundesregierung kommen bei ihm nur als Brandbeschleuniger vor. In „Der kleine Schutz“ haben wir gezeigt, dass Le Pen die Rolle der Ordnungshüterin zufällt, weil die Mitte nicht mehr liefert, und in „Sind Demokratie und Kompetenz inkompatibel?“, wie Wähler nach einer Kette unfähiger Regierungen dem folgen, der verspricht, Schluss zu machen. Fischers Text richtet sich an die Wähler, die nicht falsch wählen sollen. An die Regierenden, die liefern müssten, richtet er sich nicht. Das ist bequem für einen, der selbst sieben Jahre lang regiert hat.
Der Text ist Konfetti. Die Frage ist, wer ihn abschießt und warum man ihm zuhört.
II. Der Straßenkämpfer
Fischer kam Mitte der sechziger Jahre nach Frankfurt, ohne Abitur und mit abgebrochener Fotografenlehre. Er wurde eine Figur der Sponti-Szene und Mitglied der Gruppe „Revolutionärer Kampf“, arbeitete ein halbes Jahr bei Opel, bis man ihn entließ, und fuhr dann Taxi. Im März 1973 zeigen Fotos ihn bei einer Straßenschlacht der sogenannten Putzgruppe, wie er auf den Polizisten Rainer Marx einschlägt. Als die Bilder im Januar 2001 bekannt wurden, war Fischer Außenminister. Er entschuldigte sich öffentlich.
Im Mai 1976 wurde er nach einer Demonstration, bei der ein Polizist durch einen Molotowcocktail schwere Verbrennungen erlitt, als Verdächtiger festgenommen und nach zwei Tagen wieder freigelassen. Er bestritt, selbst Brandsätze geworfen zu haben, und angeklagt wurde er nie. Im Januar 2001 sagte er als Zeuge im Prozess gegen seinen früheren Weggefährten Hans-Joachim Klein aus, der am Überfall auf die OPEC-Konferenz in Wien beteiligt gewesen war. Die Staatsanwaltschaft prüfte danach, ob Fischer über seine Bekanntschaft mit der RAF-Angehörigen Margrit Schiller die Unwahrheit gesagt hatte, und stellte die Ermittlungen ein, weil andere Zeugen seine Aussage stützten.
Fairness verlangt, das alles zu sagen. Viele seiner Generation haben Ähnliches erlebt, und niemand muss für seine Jugend ewig büßen. Aber Fischer hat aus dieser Jugend keine Lehre gezogen, die er an andere weitergegeben hätte. Er hat aus ihr eine Legende gemacht: vom Steinewerfer zum Außenminister. Die Legende ist das erste Kapital, das er bewirtschaftet.
III. Nie wieder Auschwitz
Am 13. Mai 1999 stand Fischer auf dem Sonderparteitag der Grünen in Bielefeld. Seit sieben Wochen bombardierte die NATO Jugoslawien, und Deutschland flog mit, zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg in einem Kampfeinsatz. Ein Mandat des UN-Sicherheitsrats gab es nicht. Ein Demonstrant traf Fischer mit einem Farbbeutel, das Trommelfell riss. Dann sprach er: „Auschwitz ist unvergleichbar. Aber ich stehe auf zwei Grundsätzen: Nie wieder Krieg, nie wieder Auschwitz; nie wieder Völkermord, nie wieder Faschismus.“ Der Parteitag folgte ihm mit 444 zu 318 Stimmen.
Mit diesem Satz hat Fischer der deutschen Friedensbewegung ihr stärkstes Argument genommen und es gegen sie gewendet. Das war seine eigentliche historische Leistung. Ob der Krieg im Kosovo Schlimmeres verhindert hat, ist bis heute umstritten. Unbestritten ist sein zweites Erbe: Als Wladimir Putin am 18. März 2014 die Annexion der Krim begründete, berief er sich ausdrücklich auf den Präzedenzfall Kosovo. Wenn Fischer heute den russischen Angriff einen „eklatanten Bruch des Völkerrechts“ nennt, hat er recht. Er war aber auch der Außenminister, der den ersten großen Bruch dieser Ordnung in Europa mitverantwortet hat, ohne Mandat und mit Auschwitz als Begründung.
IV. Wo er recht hatte
Fischer hatte auch Momente, die bleiben. Am 12. Mai 2000 hielt er an der Humboldt-Universität eine Rede, in der er eine europäische Föderation mit Parlament und Regierung entwarf. Sie war mutig, und sie wurde nicht verwirklicht. Am 5. Februar 2003 leitete er als Präsident des UN-Sicherheitsrats die Sitzung, in der Colin Powell die angeblichen Beweise für irakische Massenvernichtungswaffen vorlegte, und verlangte, dass die Waffeninspektoren der Vereinten Nationen sie prüfen. Drei Tage später sagte er auf der Münchner Sicherheitskonferenz zu Donald Rumsfeld, der für den Krieg warb: „Excuse me, I am not convinced.“ Er hatte recht, die Beweise waren falsch.
Diese beiden Momente gehören in jede ehrliche Bilanz. Sie zeigen aber auch, wie wenig er durchsetzen konnte. Die Föderation kam nicht, den Irakkrieg hat er nicht verhindert. Was blieb, war der Satz.
V. Die Visa-Affäre
Anfang 2000 erließ sein Staatsminister Ludger Volmer eine Anweisung an die Botschaften, im Zweifel für den Antragsteller zu entscheiden. Die Botschaft in Kiew, die schon 1999 mehr als 150.000 Visa ausgestellt hatte, wurde zum Einfallstor, wie sich später zeigte, auch für Schleuser, Zwangsprostituierte und Kriminelle. Am 25. April 2005 sagte Fischer vor dem Untersuchungsausschuss des Bundestages aus, einen ganzen Tag lang, live im Fernsehen. Er gab Fehler zu und übernahm die „politische Verantwortung“. Zurückgetreten ist er nicht. Im Juni beendete die rot-grüne Mehrheit die Beweisaufnahme nach dreißig Minuten, das Bundesverfassungsgericht untersagte das vorläufig. Kurz darauf war die Regierung abgewählt.
Politische Verantwortung zu übernehmen, ohne Folgen zu tragen, ist eine Fertigkeit. Fischer beherrscht sie.
VI. Der Name als Ware
Im November 2005 verließ Fischer das Amt. Er sagte damals, er tausche „Macht gegen Freiheit“. Die Freiheit bestand zunächst aus einer Gastprofessur in Princeton. 2008 wurde er Senior Strategic Counsel bei der Albright Stonebridge Group, der Beratungsfirma der früheren US-Außenministerin Madeleine Albright, und beriet unter anderem Siemens, BMW und die Deutsche Börse. 2009 gründete er mit einem früheren Sprecher der Grünen-Fraktion seine eigene Firma, Joschka Fischer & Company. BMW holte ihn im selben Jahr, um das Umweltbewusstsein der Mitarbeiter zu schärfen. Guido Westerwelle bemerkte, es sei schade, dass Grüne immer dann in der sozialen Marktwirtschaft ankämen, wenn ihre Amtszeit vorbei sei.
Im September 2009 trat Fischer in einem Brüsseler Hotel vor Journalisten auf, eingeladen vom Energiekonzern RWE. Er warb für die Gaspipeline Nabucco, die RWE und der österreichische Konzern OMV bauen wollten. „Europa braucht Nabucco“, sagte er. Die Arbeit sei im Wesentlichen dieselbe wie früher, nur für ein Unternehmen. Auf die Frage, ob sie besser bezahlt sei als ein Ministeramt, antwortete er: „Kann sein.“ Im Juni 2013 war Nabucco am Ende, das Gas aus Aserbaidschan ging an eine andere Pipeline.
Seither ist Fischer, was die Rednerbüros einen „Vordenker der internationalen Politik“ nennen. Man kann ihn buchen, für Außen- und Sicherheitspolitik, die Zukunft Europas, Globalisierung, Krisenmanagement, Umweltpolitik. Den Preis erfährt man auf Anfrage.
VII. Vom Farbbeutel zur Atombombe
Der Mann, dessen Partei aus der Friedensbewegung kam, fordert heute, was der Moment verlangt. Im März 2025 sagte er dem Stern, Europa sei „ab sofort allein“, zwei Prozent für Verteidigung reichten nicht. Er verlangte die Wehrpflicht für Männer und Frauen und einen europäischen Atomschirm. Im April 2026 riet er in Wien den Österreichern, ihre Neutralität zu überdenken, ein Konzept des Kalten Krieges. Im Oktober 2026 schreibt er von Europas Entschlossenheit, eine eigenständige Weltmacht zu werden.
Das Muster ist immer dasselbe. Fischer steht auf der Seite, auf der die Mehrheit seines Milieus gerade steht, und er liefert ihr die Glaubwürdigkeit dessen, der einmal auf der anderen Seite stand. 1999 war es der Pazifist, der den Krieg begründete. Heute ist es der alte Straßenkämpfer, der die Aufrüstung fordert. Die Wandlung selbst ist das Produkt. Sie verkauft sich in jeder Richtung, solange sie nur vom richtigen Namen kommt.
VIII. Die These
Ruhmlos ist diese Vergangenheit nicht, weil Fischer nichts getan hätte. Ruhmlos ist sie, weil von dem, was er getan hat, wenig geblieben ist, auf das man stolz sein könnte. Der Krieg ohne Mandat ist zum Präzedenzfall für andere geworden. Die Föderation blieb eine Rede. Die Visa-Affäre endete ohne Folgen für ihn. Die Pipeline, für die er warb, wurde nie gebaut. Geblieben sind ein Satz in München und ein Name.
Diesen Namen bewirtschaftet Fischer seit zwanzig Jahren, als Berater, als Redner, als Kolumnist. Das ist sein gutes Recht. Aber wer seinen Namen vermarktet, sollte nicht erwarten, dass man seine Texte als Warnungen eines Staatsmannes liest. Es sind Produkte. Und wenn ein Mitverursacher der Lage, die er beklagt, Europas größten Feind im eigenen Haus sucht, sollte er mit dem Spiegel anfangen.
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