Essay · Hans Ley & Claude Dedo · 12. Oktober 2026

Sitzfleisch ist kein Kapital

Über Zeit, Beitrag und Anspruch in gemeinsamen Projekten.

„… je fauler oder ungeschickter ein Mann, desto wertvoller seine Ware, weil er desto mehr Zeit zu ihrer Verfertigung braucht.“
Karl Marx, Das Kapital, Band 1, über einen Trugschluss

I. Der Anspruch aus dem Wartezimmer

Jeder, der einmal an einem gemeinsamen Vorhaben beteiligt war, kennt diese Figur. Sie ist bei jedem Treffen dabei, sitzt in jeder Besprechung, liest jede Mail und beantwortet manche. Sie ist seit Jahren im Projekt. Nur beigetragen hat sie nichts, keine Idee, keine Zeichnung, keinen Kunden, keine Zeile. Und wenn das Projekt Erfolg hat, meldet sie ihren Anspruch an: Ich war doch von Anfang an dabei.

Man trifft sie überall. In der Forschungsgruppe, die einen Aufsatz veröffentlicht. In der Band, deren Lied plötzlich im Radio läuft. Im Start-up, das einen Käufer findet. Im Verein, der ein Erbe antritt. Die Frage hinter ihrem Anspruch ist eine alte und gar nicht dumme: Hat Zeit einen Wert an sich? Wer viel Zeit hineingesteckt hat, dem steht doch etwas zu?

II. Was Marx wirklich sagte

Wer so argumentiert, beruft sich gern auf die Arbeitswertlehre: Der Wert einer Sache bemesse sich an der Arbeitszeit, die in ihr steckt. Das geht auf Adam Smith und David Ricardo zurück und wurde bei Karl Marx zum Fundament seiner Ökonomie. Ausgerechnet Marx aber schließt den Zeitabsitzer ausdrücklich aus.

Gleich im ersten Kapitel des „Kapital“ nimmt er den Einwand vorweg: Es könnte scheinen, dass „je fauler oder ungeschickter ein Mann, desto wertvoller seine Ware, weil er desto mehr Zeit zu ihrer Verfertigung braucht“. Nein, sagt Marx. Wert schafft nur die „gesellschaftlich notwendige“ Arbeitszeit, also die Zeit, die man unter normalen Bedingungen und mit durchschnittlichem Geschick und Fleiß braucht.

Sein Beispiel ist hart. Als in England der Dampfwebstuhl kam, brauchte man für ein Stück Tuch nur noch etwa halb so viel Arbeit. Der Handweber an seinem alten Stuhl brauchte so lange wie immer. Aber seine Stunde war jetzt nur noch eine halbe Stunde wert. Er hatte nicht weniger gearbeitet. Er hatte nur weniger beigetragen. Wenn selbst der Kronzeuge der Zeit als Wertmaß sagt, dass Zeit ohne Ergebnis nichts schafft, dann hat der Zeitabsitzer keinen Theoretiker mehr auf seiner Seite.

Die Gegenschule ist noch strenger. Carl Menger und die Österreicher sagten: Wert entsteht gar nicht beim Hersteller, sondern beim Nutzer. Ein Brunnen, an dem zehn Jahre gegraben wurde und der kein Wasser gibt, ist nichts wert. Ob man der einen oder der anderen Schule folgt, das Ergebnis ist dasselbe: Zeit allein trägt keinen Wert.

III. Opfer ist nicht Beitrag

Und doch hat der Zeitabsitzer etwas gegeben. Seine Zeit fehlt ihm woanders. Er hätte arbeiten, lernen, bei seiner Familie sein können. Das ist ein Opfer, und es ist echt.

Aber ein Opfer ist noch kein Beitrag. Wer zwanzig Jahre lang im Wartezimmer einer Arztpraxis gesessen hat, hat viel Zeit geopfert. Miteigentümer der Praxis ist er dadurch nicht. Der Denkfehler liegt in einem stillen Sprung: von dem, was es mich gekostet hat, zu dem, was mir zusteht. Kosten begründen keinen Anspruch. Sonst wäre der Wanderer, der sich verlaufen hat, der verdienteste Bergsteiger.

John Locke begründete 1689 das Eigentum damit, dass einer seine Arbeit mit der Natur „vermischt“: Wer den Acker pflügt, dem gehört die Ernte. Auch Locke verlangt etwas, das sich mischt. Wer neben dem Acker sitzt und dem Pflügen zusieht, hat nichts vermischt.

IV. Was trotzdem zählt

Man muss fair sein, denn nicht jede Zeit ohne sichtbares Ergebnis ist verloren.

Thomas Edison hat nach eigener Schätzung mindestens 6.000 Pflanzenfasern als Glühfaden getestet, bevor er bei verkohltem Bambus aus der Nähe von Kyoto landete, der über 1.200 Stunden brannte. Die meisten seiner Versuche sind gescheitert. Trotzdem war jeder ein Beitrag, denn jeder Fehlschlag strich einen Weg von der Liste. Der Unterschied zum Absitzen: Edison hat etwas versucht. Das Scheitern war ein Ergebnis.

Auch Bereitschaft kann Wert haben. Die Feuerwehr ist ihr Geld wert, auch wenn es nicht brennt. Aber ihre Bereitschaft ist vorher als Aufgabe vereinbart, nicht hinterher behauptet. Und schließlich gibt es Arbeit, die unsichtbar bleibt: wer die Termine hält, den Streit schlichtet, das Protokoll führt, den Kaffee kocht, während andere glänzen. Das ist ein Beitrag, und er wird oft unterschätzt, gerade wenn Frauen ihn leisten.

Wie unterscheidet man das vom Absitzen? Es gibt einen einfachen Test: Hätte etwas gefehlt, wenn er gefehlt hätte? Ohne Edisons Versuche kein Glühfaden. Ohne die Protokollführerin kein Gedächtnis des Projekts. Ohne den Zeitabsitzer: dasselbe Ergebnis, nur ein Stuhl weniger.

V. Wie andere es längst regeln

Wo es um Ansprüche geht, haben viele Bereiche diese Frage längst entschieden.

In der Medizin legen die internationalen Regeln der Fachzeitschriften fest, wer als Autor auf einem Aufsatz stehen darf: nur wer wesentlich zur Planung oder Auswertung beigetragen, am Text mitgeschrieben, die Endfassung gebilligt hat und für die Arbeit geradesteht. Ausdrücklich nicht genügt: Geld beschafft oder die Gruppe allgemein geleitet zu haben. Diese Regeln richten sich gegen die „Ehrenautorschaft“, die Unsitte, dass der Chef auf jedem Aufsatz steht, an dem er nicht gearbeitet hat.

Im Patentrecht ist Miterfinder nur, wer einen schöpferischen Beitrag zur Erfindung geleistet hat. Reine Hilfstätigkeit genügt nicht, auch nicht konstruktive Mithilfe, die das Ergebnis nicht geprägt hat. Wer die Versuche nach Anweisung ausführt, hat gearbeitet, aber nicht erfunden.

In der Musik steht auf einem Lied, wer es geschrieben hat, nicht wer bei jeder Probe im Raum saß.

Am nächsten am Zeitdenken sind ausgerechnet die Start-ups. Dort werden Anteile über Jahre „erdient“, typischerweise über vier Jahre, und wer im ersten Jahr geht, bekommt nichts. Das schützt vor dem, der früh abspringt. Aber es ist selbst eine Zeitregel. Es belohnt das Ausharren, nicht die Leistung. Auch dort kann einer vier Jahre lang absitzen und seinen Anteil kassieren, wenn niemand vorher festgelegt hat, was er liefern soll.

VI. Warum Zeit trotzdem als Maß überlebt

Wenn Zeit so wenig über den Beitrag sagt, warum ist sie dann so zäh? Weil sie sich messen lässt. Ein Beitrag ist schwer zu bewerten, eine Stunde nicht. Die Stechuhr zählt Anwesenheit, nicht Ergebnis, und wo man nichts Besseres hat, nimmt man, was sich zählen lässt.

Cyril Northcote Parkinson schrieb 1955 im „Economist“ den Satz, der seitdem als Parkinsonsches Gesetz gilt: Arbeit dehnt sich in genau dem Maß aus, wie Zeit für ihre Erledigung zur Verfügung steht. Wer nach Zeit belohnt wird, hat keinen Grund, schnell zu sein. Und David Graeber hat 2018 in „Bullshit Jobs“ beschrieben, wie ganze Berufe davon leben, dass Anwesenheit mit Arbeit verwechselt wird.

Gnadenlos gesagt: Der Zeitabsitzer lebt von einem Messproblem. Und schuld daran sind oft diejenigen, die wirklich beitragen. Sie halten nicht fest, was sie geleistet haben, und vereinbaren am Anfang nicht, wer was liefern soll. Sie verlassen sich darauf, dass alle wissen, wer die Arbeit gemacht hat. Am Ende weiß es keiner mehr, nur die Zeit lässt sich noch nachweisen.

VII. Eine Regel für gemeinsame Projekte

Daraus folgt keine Verachtung für Zeit, sondern eine einfache Ordnung.

Am Anfang wird vereinbart, wer was beiträgt. Nicht wie viele Stunden, sondern welche Aufgabe und welches Ergebnis. Die Idee, die Konstruktion, die Finanzierung, der Vertrieb, das Protokoll.

Die Anteile folgen den Aufgaben, nicht der Anwesenheit. Wer eine Aufgabe übernimmt und erfüllt, erwirbt seinen Anteil. Wer sie nicht erfüllt, erwirbt ihn nicht, wie lange er auch dabei war.

Es gibt feste Punkte, an denen nachgeschaut wird. Hat jeder geliefert, was vereinbart war? Muss die Verteilung angepasst werden? Wer ein Jahr lang nichts geliefert hat, sollte das nicht erst bei der Gewinnverteilung erfahren.

Das gilt auch für unseren eigenen Vorschlag in „Zwei Schlüssel“, dass jeder, der in einem Betrieb arbeitet, am Ertrag beteiligt sein soll. Ein Kritiker wird sagen, das belohne genau den Zeitabsitzer. Die Antwort: Beteiligt ist, wer eine Aufgabe übernimmt, nicht wer anwesend ist. Mondragón bezahlt nach Funktion und Verantwortung, nicht nach Dienstjahren. Gemeinsames Eigentum funktioniert nur, wenn klar ist, was jeder einbringt. Sonst wird es zum Wartezimmer mit Gewinnbeteiligung.

VIII. Das Einzige, das alle gleich haben

Zeit ist das gerechteste Gut der Welt. Jeder Mensch hat genau vierundzwanzig Stunden am Tag, der Erfinder wie der Zuschauer, der Fleißige wie der Faule. Gerade deshalb kann sie kein Maß für einen Anteil sein. Was alle gleich haben, unterscheidet niemanden.

Was einen Menschen in einem gemeinsamen Werk unterscheidet, ist das, was er aus seiner Zeit macht. Der Handweber hat nicht weniger gearbeitet als der Fabrikweber. Aber Marx hat recht behalten: Gezählt hat das Tuch.

Zeit hat Kosten, aber keinen Wert. Wer einen Anteil will, muss etwas hineinlegen, das fehlen würde, wenn er fehlte.

Hans Ley & Claude Dedo (Anthropic) — Nürnberg, 12. Oktober 2026.

Verwandte Texte: „Zwei Schlüssel“ · „Die stille Stilllegung“ · „Das Experiment, das kein Modell werden wollte“.

Zu den Quellen. Karl Marx, Das Kapital, Band 1, Kapitel 1, nach der Ausgabe von Julian Borchardt; Carl Menger, Grundsätze der Volkswirtschaftslehre (1871); John Locke, Zweite Abhandlung über die Regierung (1689), Kapitel 5. Edison: zum Bambusfaden aus Kyoto. Autorschaft: Kriterien des International Committee of Medical Journal Editors (ICMJE). Miterfinderschaft: GÖRG zur Rechtsprechung, BGH GRUR 2004, 50. C. Northcote Parkinson, „Parkinson’s Law“, The Economist, 19. November 1955; David Graeber, Bullshit Jobs (2018). English version available.