Das früher bejubelte und heute verschwiegene Experiment – der Sozialismus des 21. Jahrhunderts
Hugo Chávez, Heinz Dieterich, Norberto Ceresole und ein Land, das die Probe bezahlt hat.
Aus der Reihe Die Leiter der Leitenden · Teil II, Die Lebenden
Die Reihe fragt, welche Ideologien und Vordenker hinter den Mächtigen stehen und was sie tatsächlich bewirken. Sie geht Fall für Fall vor; jeder Text steht für sich. Die Typologie folgt am Ende, nicht am Anfang.
„Venezuela ist das seit Ende des Kalten Krieges erste Land, das aus der Logik des neoliberalen Kapitalismus ausgebrochen ist.“
Sahra Wagenknecht, Freitag, 20. August 2004
I. Der Jubel
Am 30. Januar 2005, zum Abschluss des Weltsozialforums in Porto Alegre, sagte Hugo Chávez vor Zehntausenden, er habe nicht den geringsten Zweifel, dass der Weg der Sozialismus sei. In den folgenden Jahren gab er diesem Weg einen Namen: Sozialismus des 21. Jahrhunderts. Für viele Linke in Europa war das eine Erlösung. Nach dem Ende der Sowjetunion gab es wieder ein Land, auf das man zeigen konnte, mit einem charismatischen Präsidenten, mit Öl und mit Wahlen, die er gewann.
Der Jubel war laut. Sahra Wagenknecht, damals in der PDS, nannte Venezuela schon 2004 das erste Land seit dem Ende des Kalten Krieges, das aus der Logik des neoliberalen Kapitalismus ausgebrochen sei. Als Chávez im März 2013 starb, würdigten ihn die Vorsitzenden der Linken, Katja Kipping und Bernd Riexinger, zusammen mit Gregor Gysi als unerschrockenen Verteidiger einer neuen, gerechten Welt und als Vorbild für die Einigung Lateinamerikas.
Heute spricht kaum jemand mehr davon. Dieser Text fragt, wer das Experiment erdacht hat, was davon tatsächlich gebaut wurde, wer die Rechnung bezahlt hat und warum die, die einst jubelten, heute schweigen.
II. Zwei Männer aus dem Bremer Umland
Der Begriff stammt von einem Deutschen. Heinz Dieterich wurde 1943 in Rotenburg an der Wümme geboren, studierte in Frankfurt und Bremen und lehrt seit 1977 Soziologie an der Universidad Autónoma Metropolitana in Mexiko-Stadt. Vom „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ sprach er seit Mitte der 1990er Jahre, sein Buch dazu erschien auf Spanisch 2002 und auf Deutsch 2006. Im Dezember 1999, Chávez war gerade Präsident geworden, lernten sich die beiden kennen. Es folgten lange Gespräche, und Dieterich galt bald als Berater, manche nannten ihn den Ideologen des Präsidenten.
Der wirtschaftliche Kern seiner Lehre stammt von einem zweiten Deutschen: Arno Peters, geboren 1916 in Berlin, gestorben 2002 in Bremen. Weltberühmt wurde Peters durch seine Weltkarte von 1973. Sie zeigt die Länder in ihrer wahren Größe und verzerrt dafür ihre Formen. Afrika ist darauf so groß, wie es wirklich ist, und sieht aus wie in die Länge gezogen.
Weniger bekannt ist Peters’ zweite Idee, die er im Jahr 2000 in Gesprächen mit dem Computerpionier Konrad Zuse ausbreitete: ein „Computer-Sozialismus“. Der Wert jeder Ware soll nach der Arbeitszeit berechnet werden, die in ihr steckt, und jeder soll den ungeschmälerten Ertrag seiner Arbeit erhalten. Planung statt Markt, Rechnung statt Profit und Zins. Dieterich übernahm diese Äquivalenzökonomie als Herzstück seines Sozialismus des 21. Jahrhunderts.
Man kann über diese Idee streiten, und es gibt ernsthafte Ökonomen, die sie für rechenbar halten. Aber es war eine Idee mit einer Rechenvorschrift. Man hätte sie prüfen können.
III. Der andere Einflüsterer
Dieterich war nicht der erste, der Chávez beriet. Vor ihm kam Norberto Ceresole, ein argentinischer Soziologe, Jahrgang 1943, der über die rechtsnationalistischen Militärkreise der argentinischen „Carapintadas“ zu Chávez fand. 1994 und 1995 beriet er den ehemaligen Putschisten, im Juni 1995 wurde er unter Präsident Caldera verhaftet und ausgewiesen.
Sein Modell beschrieb er 1999 in einem Buch mit dem Titel „Caudillo, Ejército, Pueblo“, Führer, Armee, Volk. Dazwischen sollte nichts stehen, keine Parteien, keine unabhängigen Institutionen. Der Führer spricht direkt zum Volk, und die Armee ist sein Arm. Ceresole wurde Neofaschismus, Antisemitismus und die Leugnung des Holocaust vorgeworfen. Ende 1999 musste er Venezuela erneut verlassen, auf Drängen von Chávez’ Umfeld. Er starb 2003 in Buenos Aires.
Wie bei Putin und Iwan Iljin, den wir in „Die Gebeine aus Zollikon“ beschrieben haben, wirkte der Einflüsterer weiter, als er schon fort war. Chávez sprach jeden Sonntag stundenlang im Fernsehen direkt zu seinem Volk, und Offiziere besetzten Ministerien, Gouverneursposten und die Leitung von Staatsbetrieben. Den Namen lieferte Dieterich. Die Form lieferte Ceresole.
IV. Was tatsächlich gebaut wurde
Gebaut wurde nicht Peters’ Rechnung, sondern eine Ölrente mit Caudillo. Arbeitszeit als Maßstab für Preise wurde in Venezuela nie eingeführt. Das „Gesetz über gerechte Preise“ von 2014 begrenzte die Gewinnspannen auf dreißig Prozent. Das ist eine Preiskontrolle, wie es sie in Kriegswirtschaften überall gegeben hat, keine Äquivalenzökonomie. Dieterich selbst schrieb schon 2008, die Regierung habe keine einzige Institution geschaffen, die sich qualitativ von Marktwirtschaften unterscheide.
Fairerweise muss man sagen, was in den guten Jahren gelang. Nach Zahlen der UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika sank der Anteil der Armen von 49 Prozent im Jahr 1999 auf 28 Prozent im Jahr 2010. Die „Misiones“ brachten Ärzte in die Armenviertel und Lesekurse in Dörfer, in denen es vorher keine gab. Das war echt, und viele Venezolaner erinnern sich daran.
Aber es war mit Öl bezahlt, nicht mit einem neuen Wirtschaftsmodell. Fast alle Exporteinnahmen kamen aus dem Öl. Als der Preis hoch war, reichte es für alles. Ein Haushalt, der von einem einzigen Lottogewinn lebt, kann großzügig sein, bis das Geld aufgebraucht ist. Danach zeigt sich, ob er etwas aufgebaut hat. Venezuela hatte nichts aufgebaut, was ohne Öl trug, und auch die Ölförderung selbst nicht gepflegt.
V. Der Bruch
Dieterich bemerkte das früh. Nach der verlorenen Volksabstimmung über Chávez’ Verfassungsreform im Dezember 2007 schrieb er, die Revolution sei „auf dem Weg zum Selbstmord“. 2009 kritisierte er die übermäßige Konzentration des ganzen Systems auf den Präsidenten. Im August 2011 machte er den Bruch öffentlich.
Gnadenlos gelesen hat auch Dieterich sich geirrt. Im Oktober 2013 sagte er voraus, Maduro werde sich nicht über März oder April 2014 hinaus halten. Maduro hielt sich zwölf weitere Jahre. Und 2019 behauptete Dieterich, „sein“ Modell habe bis 2010 funktioniert, getragen von einem Ölpreis von 120 Dollar. Damit sagt er unfreiwillig dasselbe wie wir: Was funktionierte, war das Öl.
Dieterich ist damit ein Vordenker, wie ihn diese Reihe noch nicht hatte. Er lieferte einem Präsidenten das Wort, sah zu, wie der Präsident das Wort benutzte und etwas anderes baute, und sagte sich los. Das ehrt ihn mehr als die meisten Vordenker in dieser Reihe. Aber das Wort war in der Welt, und es gehörte nicht mehr ihm.
VI. Die Rechnung
Nach dem Tod von Chávez 2013 und dem Verfall des Ölpreises 2014 brach das Land zusammen. Die Wirtschaftsleistung schrumpfte bis 2020 nach gängigen Schätzungen um drei Viertel. Die Inflation erreichte 2018 nach Angaben der eigenen Zentralbank 130.000 Prozent. Bei solchen Raten verliert Geld seinen Wert schneller, als man es ausgeben kann. Wer am Monatsende seinen Lohn bekam, rannte zum Laden, bevor die Preise ihn einholten. Die Ölförderung, auf der alles beruhte, fiel 2020 auf rund 570.000 Fass am Tag, den tiefsten Stand seit den 1940er Jahren.
Rund sieben bis acht Millionen Menschen verließen das Land, allein 6,9 Millionen leben heute in anderen Ländern Lateinamerikas. Das ist etwa jeder vierte Venezolaner. Wer ging, fing oft ganz unten an, auch mit Diplom. Wer blieb, erlebte leere Regale, Stromausfälle und eine Regierung, die Proteste niederschlagen ließ. Der Internationale Strafgerichtshof ermittelt seit 2021 wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Ende September 2026 zählte die Menschenrechtsorganisation Foro Penal noch 324 politische Gefangene.
VII. Das Ende ohne Abschied
In der Nacht zum 3. Januar 2026 holten amerikanische Spezialkräfte Nicolás Maduro und seine Frau aus Caracas und flogen sie nach New York. Dort sitzen sie in Untersuchungshaft, der Prozess wegen Drogenterrorismus soll im Juni 2027 beginnen. Seine Stellvertreterin Delcy Rodríguez regiert seither, von Washington als Staatsoberhaupt anerkannt.
Am 29. Januar beschloss Venezuela ein Gesetz, das privaten Firmen die Kontrolle über Förderung und Verkauf von Öl gibt. Am 23. September versprach Rodríguez vor den Vereinten Nationen Wahlen, ohne Datum, und dankte Donald Trump. Der Sozialismus des 21. Jahrhunderts endet also mit privatisiertem Öl unter amerikanischer Aufsicht und einer Erbin des Systems, die dem amerikanischen Präsidenten dankt. Ein Abschied wurde nicht gefeiert. Es gab keinen.
VIII. Das Schweigen
Und die deutsche Linke? Am Tag der amerikanischen Aktion sprach ihr Vorsitzender Jan van Aken von „brutalem Staatsterrorismus“, der Fraktionsvorsitzende Sören Pellmann von einem klaren Bruch des Völkerrechts und imperialer Machtpolitik. Sahra Wagenknecht, inzwischen im BSW, nannte es einen eklatanten Bruch aller Regeln des Völkerrechts.
Diese Kritik ist berechtigt. Ein Staat, der den Präsidenten eines anderen Staates entführen lässt, bricht das Völkerrecht, und das muss man sagen dürfen, egal wie man über den Entführten denkt. Aber in den Erklärungen fehlt etwas. Kein Wort über das, was Maduro aus dem Land gemacht hat. Kein Wort über die acht Millionen, die gegangen sind. Kein Wort darüber, dass man das Experiment einst als Ausbruch aus dem Kapitalismus gefeiert hatte.
Das ist das Muster, das wir in „Warum ich kein Linker geworden bin“ beschrieben haben. Eine Lehre, die ihr Scheitern nicht prüft, sondern beschweigt, kann nicht lernen. In der Wissenschaft wäre ein gescheitertes Experiment ein Ergebnis, das man veröffentlicht, damit andere es nicht wiederholen. In der Politik wird es aus dem Gedächtnis gestrichen, und das nächste beginnt mit demselben Jubel.
IX. Wer die Rechnung zahlt
Venezuela ist das vierte Labor nach der Kirche, der DDR und dem Wachtturm, und es folgt einer Regel, die älter ist als jede dieser Lehren. Die einfachen, arbeitenden Menschen bezahlen seit Jahrtausenden alle Rechnungen, oft genug mit ihrem Leben. Die Theoretiker zahlen fast nie.
Die wenigen Ausnahmen bestätigen die Regel auf bittere Weise. Leo Trotzki wurde 1940 in Mexiko im Auftrag Stalins mit einem Eispickel erschlagen. Nikolai Bucharin, den Lenin den Liebling der Partei nannte, wurde 1938 nach einem Schauprozess erschossen. Wenn Theoretiker bezahlen, dann meist an die eigene Revolution, die ihre Kinder frisst. Rosa Luxemburg, 1919 von Freikorps-Soldaten ermordet, ist die seltene Ausnahme, die von der Gegenseite getötet wurde.
In Venezuela gilt die Regel ohne Ausnahme. Ceresole starb 2003 in Buenos Aires, Peters 2002 in Bremen. Dieterich lehrt und schreibt. Chávez starb 2013 im Amt und gefeiert. Maduro sitzt in New York, mit Anwälten und einem Prozesstermin. Bezahlt haben die Krankenschwester, die heute in einem fremden Land putzt, der Ingenieur, der auf der Straße verkauft, und die Alten, die blieben, weil sie nicht mehr gehen konnten.
X. Wie dieser Text widerlegt werden könnte
Der stärkste Einwand kommt von Dieterich selbst: Sein Modell sei nie ausprobiert worden. Er hat recht. Venezuela widerlegt nicht die Idee einer Wirtschaft, die nach Arbeitszeit rechnet, denn diese Idee wurde dort nie gebaut. Wer das Scheitern Venezuelas gegen Peters und Dieterich wendet, macht denselben Fehler wie die, die einst das Öl für Sozialismus hielten.
Unsere These ist eine andere: dass das Experiment bejubelt wurde, ohne es zu prüfen, und beschwiegen wird, ohne es auszuwerten. Sie wäre widerlegt, wenn die Parteien und Stiftungen, die damals jubelten, heute eine ehrliche Bilanz vorlegten: was gelang, was scheiterte, was man selbst falsch eingeschätzt hat. Es gab vereinzelt kritische Stimmen, etwa ein Seminar der Rosa-Luxemburg-Stiftung 2010, das eine „kritische Bilanz“ ankündigte. Eine Bilanz des Jubels nach dem Zusammenbruch kennen wir nicht. Wenn es sie gibt, nennen wir sie gern.
XI. Ein Experiment, über das man nicht spricht
Ein Experiment, dessen Ergebnis man verschweigt, ist nicht abgeschlossen. Es wird wiederholt, an einem anderen Ort, mit einem anderen Namen und mit anderen Menschen, die die Rechnung bezahlen.
Der Sozialismus des 21. Jahrhunderts ist nicht an seinen Feinden gescheitert, sondern an der Wirklichkeit. Verschwiegen wird er von seinen Freunden.