Die Dystopie hat viele Väter
Über eine Warnung vor der Berliner Linken, die richtigen Prüfsteine und die Frage, wer die Wohnungen verkauft hat.
„Plötzlich ist nicht mehr entscheidend, was jemand sagt, sondern wer es sagt.“
Constantin Schreiber, „Die Berlin-Dystopie“, 2026
I. Eine Warnung
Am 20. September 2026 wurde die Linke in Berlin mit 25,7 Prozent stärkste Kraft, vor CDU, AfD, Grünen und SPD. Gesprochen wird jetzt über ein Bündnis aus Linken, Grünen und SPD. Die Linke hat die Vergesellschaftung von rund 220.000 Wohnungen großer Konzerne faktisch zur Bedingung gemacht.
Der Journalist Constantin Schreiber nennt das in einem Videokommentar auf seinem YouTube-Kanal „Die Berlin-Dystopie“. Gefährlich sei nicht nur die Linke, sondern dass SPD und Grüne bereitstünden, ihr den Weg zu ebnen. Eine Stadt, die einmal für Freiheit stand, entscheide sich demokratisch dafür, ihre eigenen Grundlagen zu zerstören, „nicht durch Putsch, sondern durch eine Wahl“. Der Text ist ruhig, klug gebaut und über weite Strecken fair. Gerade deshalb lohnt es, ihn ernst zu nehmen und an seinem eigenen Maßstab zu messen.
II. Wo die Warnung trifft
Der stärkste Satz lautet: „Eine Wohnung wird nicht dadurch gebaut, dass auf dem Grundbuch ein anderer Eigentümer steht.“ Das stimmt, und Berlin hat es erlebt. Der Mietendeckel galt ab Februar 2020, im April 2021 erklärte ihn das Bundesverfassungsgericht für nichtig. Nach einer Studie des ifo-Instituts sank in dieser Zeit das Angebot an Mietwohnungen um bis zu 60 Prozent, und in den nicht gedeckelten Wohnungen stiegen die Mieten schneller als anderswo. Wer eine Wohnung hatte, zahlte weniger. Wer eine suchte, fand keine.
Richtig ist auch, dass die Rechnung am Ende die zahlen, die nicht ausweichen können. Kapital zieht um, die alleinerziehende Mutter in Neukölln nicht. Und richtig ist der Satz über den Antisemitismus: „Wer ihn nur gegen politische Gegner führt, bekämpft nicht den Antisemitismus, er benutzt ihn.“ Schließlich ein seltener Gedanke: Die Bereitschaft, auf Macht zu verzichten, sei eine der unterschätztesten demokratischen Tugenden. Das ist das Gegenteil des Politikers, den wir in „Herzkrank. Und niemand operiert.“ beschrieben haben, der vor allem im Amt bleiben will.
III. Die Dystopie ist schon da
Doch die Warnung hat eine blinde Stelle. Sie beschreibt ein Berlin, in dem Verwaltung, Schulen, Infrastruktur und Wohnungsbau versagen, und sie stellt das als drohende Folge einer linken Regierung dar. Dabei ist dieses Versagen Vergangenheit, und es hat viele Väter.
Berlin wird seit 2001 ohne Unterbrechung von der SPD mitregiert. Die PDS und später die Linke saß von 2002 bis 2011 und von 2016 bis 2023 im Senat, die CDU von 2011 bis 2016 und wieder seit 2023, die Grünen von 2016 bis 2023. 2021 organisierte die Stadt eine Wahl so schlecht, dass das Landesverfassungsgericht sie wegen schwerer systemischer Mängel für ungültig erklärte. In der Hälfte der Wahllokale wurde nach 18 Uhr noch gewählt.
Im vergangenen Jahr wurden in Berlin 11.027 Wohnungen fertig, so wenige wie seit zehn Jahren nicht, bei einem Ziel des Senats von 20.000. Genehmigt wurden 2016 noch über 21.000 Wohnungen, 2024 nur noch 8.558. Das geschah unter Regierungen aller Farben, zuletzt unter einem CDU-Bürgermeister. Im Januar 2026 kam in Teilen der Stadt nicht einmal mehr der Strom aus der Steckdose. Das Krisenmanagement beim Stromausfall war so umstritten, dass der Regierende Bürgermeister im Juli auf eine erneute Spitzenkandidatur verzichtete.
Fairerweise gehört auch dies dazu: Die Bürgerämter, im Video ein Sinnbild des Versagens, vergeben inzwischen alle Termine innerhalb von vierzehn Tagen; 2023 war es nur die Hälfte. Manches wird also besser. Aber das lässt sich nicht einer Partei gutschreiben, so wenig wie das Versagen einer anderen.
IV. Billig verkauft, teuer zurückgekauft
Den größten Eingriff ins Berliner Wohnungseigentum hat nicht die Linke vorgeschlagen. Er ist längst geschehen, in die andere Richtung. 1990 besaß das Land rund 482.000 Wohnungen, 2005 waren es noch etwa 270.000. Im Mai 2004 verkaufte der Senat aus SPD und PDS die landeseigene GSW mit 65.700 Wohnungen an Finanzinvestoren von Goldman Sachs und Cerberus, für 405 Millionen Euro und die Übernahme von 1,56 Milliarden Euro Schulden. Der damalige SPD-Fraktionschef nannte das ein „politisches Projekt“.
Fünfzehn Jahre später begann das Land zurückzukaufen: 2019 rund 5.600 Wohnungen für 920 Millionen Euro, 2021 noch einmal 14.750 Wohnungen von Vonovia und Deutsche Wohnen für rund 2,46 Milliarden Euro. Heute besitzen die landeseigenen Gesellschaften wieder über 370.000 Wohnungen.
Billig verkaufen, teuer zurückkaufen: Das ist die eigentliche Berliner Geschichte. Und sie zeigt, was dem Video entgeht. Privatisierung und Vergesellschaftung haben eines gemeinsam: Beide verschieben vorhandene Wohnungen von einer Hand in die andere. Gebaut wird dabei keine einzige. In unserem Essay „Der Strom kommt aus der Steckdose“ steht dafür das Bild vom Koch, der sich nur dafür interessiert, wie der Kuchen angeschnitten wird, und nie dafür, wie er gebacken wird.
V. Eigentum ist nicht egal
Daraus folgt aber nicht, dass der Eigentümer gleichgültig wäre. Wien besitzt rund 220.000 Gemeindewohnungen, dazu kommen etwa 200.000 geförderte Miet- und Genossenschaftswohnungen. Ein großer Teil der Wiener wohnt so, und die Stadt gilt seit Jahrzehnten als Vorbild für bezahlbares Wohnen.
Der Unterschied zu Berlin liegt nicht darin, dass in Wien der Staat besitzt, sondern darin, dass er baut, seit hundert Jahren, ohne Unterbrechung und ohne Ausverkauf. Die entscheidende Frage ist also nicht, wem die Wohnungen gehören. Sie lautet: Wer baut neue? Eine Vergesellschaftung, die kein Haus baut, löst die Wohnungsnot so wenig wie ein Verkauf, der keines baut. Die baskische Genossenschaftsgruppe Mondragón zeigt dasselbe für Unternehmen: Andere Eigentumsformen funktionieren, wenn sie die Wertschöpfung nicht außer Kraft setzen.
VI. Auch Wähler bauen nicht
Das Video fragt, warum Wähler Versprechen glauben, die an wirtschaftlichen Zusammenhängen vorbeigehen. Die Frage ist berechtigt, aber sie trifft weiter, als der Sprecher denkt. 2014 stimmten 64 Prozent der Berliner im Volksentscheid dafür, das Tempelhofer Feld vollständig frei zu halten. 2021 stimmten 59 Prozent für die Vergesellschaftung großer Wohnungskonzerne. Dieselbe Stadtgesellschaft hat damit Neubau verhindert und Umverteilung verlangt, beides demokratisch.
Und auch die Mitte ist nicht so mittig, wie sie scheint. Im März 2026 haben CDU und SPD das Vergesellschaftungsrahmengesetz beschlossen. Es enteignet nichts, schafft aber den Rahmen dafür. Eine Expertenkommission hatte 2023 festgestellt, dass Vergesellschaftung verfassungsrechtlich möglich ist. Die „Berlin-Dystopie“ ist also kein Projekt einer einzigen Partei. Sie ist eine Stimmung, die quer durch die Stadt geht.
VII. Der Maßstab gilt für alle
Beim Antisemitismus ist die Sorge des Videos ernst und berechtigt. Am Wahlabend erschien Clanchef Issa Remmo auf der Wahlparty der Linken in Neukölln; die Partei sagt, er sei nicht eingeladen gewesen und sofort weggeschickt worden. Anwesend war auch ein Aktivist, der dem Umfeld einer palästinensischen Terrororganisation zugerechnet wird. Ein Bundestagsabgeordneter der Linken hatte dem Clan „Grüße mit Respekt“ geschickt. SPD und Grüne haben vor den Sondierungen ein Papier verlangt, in dem das Existenzrecht Israels „unverhandelbar“ heißt. Der Zentralrat der Juden und über 200 jüdische Berliner halten es für unzureichend.
Die Warnung des Videos ist hier richtig, und ihr Maßstab ist der richtige: Es kommt nicht darauf an, aus welchem Lager etwas kommt. Wir haben denselben Maßstab in „Nathan, verkehrt herum“ an einen Publizisten angelegt, der den Antisemitismus vor allem bei Muslimen sieht. Er gilt in beide Richtungen. Er gilt aber auch für den Text selbst. Wer das Versagen einer Stadt einer einzigen Partei zuschreibt, folgt dem Lagerdenken, das er bei anderen verurteilt.
VIII. Warum ein Viertel links wählt
Die ehrlichere Frage lautet nicht, warum Menschen einer Partei mit fragwürdigen Rezepten vertrauen. Sie lautet, warum ein Viertel der Berliner einer solchen Partei die Lösung zutraut, nachdem die vernünftigen Parteien zwanzig Jahre lang regiert haben. Wer jahrelang keine Wohnung findet, wählt irgendwann jemanden, der verspricht, die Wohnungen zu nehmen, weil ihm niemand mehr verspricht, sie zu bauen.
Das ist dieselbe Logik, die wir im Presseclub und in Sachsen-Anhalt beobachtet haben, dort zugunsten der AfD. Wenn die Mitte nicht liefert, wandern die Wähler an die Ränder. Das ist keine Entschuldigung für schlechte Rezepte. Aber es ist die Erklärung, ohne die jede Warnung zur Schuldzuweisung wird.
IX. Die Prüfsteine für alle
Am Ende formuliert das Video Prüfsteine, die man sich an jede Wand im Roten Rathaus hängen sollte. Wer bezahlbare Wohnungen verspricht, muss erklären, wie sie entstehen. Wer umverteilen will, muss erklären, wie neuer Wohlstand geschaffen wird. Wer Investoren vertreiben will, muss erklären, wer danach investiert. Am Ende zählen Ergebnisse, nicht Parolen.
Diese Fragen gehen an die Linke: 220.000 vergesellschaftete Wohnungen sind keine einzige neue. Sie gehen an die SPD, die 2004 verkauft und seither zurückgekauft hat. Sie gehen an die CDU, unter deren Bürgermeister die Fertigstellungen auf den tiefsten Stand seit zehn Jahren fielen. Und sie gehen an die Wähler, die das Tempelhofer Feld frei halten wollten und günstige Wohnungen verlangen.
Ein einfacher Maßstab würde genügen: die Zahl der fertiggestellten Wohnungen, jedes Jahr, öffentlich, gemessen am eigenen Ziel. Wer regiert, muss sich daran messen lassen, egal welche Farbe er trägt.
Die Dystopie beginnt nicht mit einem Kreuz auf dem Wahlzettel. Sie beginnt, wenn jede Partei die Wohnungsnot einer anderen zuschreibt und keine baut.