Das zweite Erbe
Warum in Deutschland die Schule vererbt, was sie ausgleichen sollte
Das Geld vererbt sich über den Kalender, das Können über das Elternhaus. Die Schule sollte das zweite Erbe ausgleichen. In Deutschland vertieft sie es, stärker als fast überall sonst.
I. Der Schock, der ausblieb
Im Dezember 2001 erschienen die Ergebnisse der ersten PISA-Studie, und Deutschland stand unter Schock. Wochenlang stritt das Land darüber, wie seine Schulen zu retten seien. Am 8. September 2026 erschienen die Ergebnisse von PISA 2025. Die deutschen Fünfzehnjährigen erreichten 464 Punkte in Mathematik, 465 im Lesen und 486 in den Naturwissenschaften. Das sind die schlechtesten Werte seit Beginn der Studie, schlechter als im Jahr des ersten Schocks. 2012 waren es noch 514, 508 und 524 Punkte. Rund ein Drittel der Jugendlichen erreicht im Lesen und in Mathematik nicht einmal die Grundkompetenzen, doppelt so viele wie 2015. Ein Aufschrei blieb aus.
Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung erklärte das im Oktober damit, dass Bildung den Deutschen inzwischen ziemlich egal sei. Eltern suchten seltener das Gespräch mit der Schule, Kinder lernten weniger. Das mag so sein, aber es ist keine deutsche Besonderheit. Nach der OECD sank der Anteil der Schüler, die sich bei schweren Aufgaben besonders anstrengen, in 32 Bildungssystemen, und in Österreich zeigt sich fast dasselbe Bild wie in Deutschland. Deutsch ist etwas anderes: der steile Absturz und die Frage, wen er trifft.
II. Zwei Kinder
Man stelle sich zwei Kinder in derselben vierten Klasse vor. Sie lesen gleich gut, sie denken gleich schnell, ihre Lehrerin hält beide für begabt. Das eine Kind hat Eltern in leitenden Berufen, das andere Eltern, die in einer Werkstatt und an einer Supermarktkasse arbeiten. Nach der Grundschulstudie IGLU hat das zweite Kind bei gleicher Lese- und Denkleistung eine etwa zweieinhalbmal geringere Chance, eine Empfehlung für das Gymnasium zu bekommen.
Was mit dieser Empfehlung beginnt, setzt sich fort. Nach dem Chancenmonitor des ifo-Instituts besuchen 28 Prozent der Kinder ein Gymnasium, wenn kein Elternteil Abitur hat, aber 75 Prozent, wenn beide es haben. Bei PISA 2025 erreichen nur etwa 2 Prozent der sozial benachteiligten Fünfzehnjährigen die oberen Kompetenzstufen, bei den privilegierten sind es etwa 25 Prozent. Zwischen beiden Gruppen liegen 125 Punkte, im Durchschnitt der OECD sind es 85.
Der Migrationshintergrund, der in der öffentlichen Debatte meist als erste Erklärung dient, ist nach dem Bildungsökonomen Ludger Wößmann „weniger bedeutend“. Entscheidend seien Bildung und Einkommen der Eltern. Das zeigt auch die Zahl am oberen Ende: Die höchsten Gymnasialquoten im Chancenmonitor erreichen Kinder aus Familien mit Abitur, hohem Einkommen und Migrationshintergrund, 80 Prozent.
III. Das zweite Erbe
In „Der Kalender vererbt“ und „Eine neue Querfront“ haben wir beschrieben, wie in Deutschland Vermögen weitergegeben wird: zunehmend als Schenkung zum günstigen Zeitpunkt, und so, dass zwischen Erben und Nichterben im Mittel 142.000 Euro liegen. Dasselbe geschieht mit dem Können, nur leiser.
Die Schule war einmal das Gegenstück zum Erbe. Was die Eltern nicht vererben konnten, sollte sie geben: Lesen, Rechnen, Denken, und damit die Möglichkeit, sich selbst etwas aufzubauen. In Deutschland tut sie das immer weniger. Nach PISA 2025 erklärt der soziale Status 19 Prozent der Leistungsunterschiede zwischen den Schülern, im OECD-Durchschnitt sind es 11,6 Prozent. Der Zusammenhang ist so stark wie nie seit Beginn der Studie, etwa dreimal so stark wie in Kanada und doppelt so stark wie in Dänemark oder Norwegen.
Ein Kind aus einem Haushalt mit Büchern, Zeit und Nachhilfe erbt also zweimal: das Geld und das Können. Ein Kind ohne diesen Hintergrund erbt beides nicht, und die Schule, die den zweiten Ausfall ausgleichen sollte, gleicht ihn in Deutschland schlechter aus als in fast allen vergleichbaren Ländern.
IV. Die Schule, die nicht ausgleichen kann
Ausgleichen kann eine Schule nur mit Menschen, Zeit und Räumen. An allen dreien fehlt es.
Im Schuljahr 2024/25 hatten 11,2 Prozent der Lehrkräfte keine Lehramtsprüfung, zehn Jahre zuvor waren es 4,3 Prozent. 43,9 Prozent arbeiten in Teilzeit, so viele wie nie. Wie viele Lehrer fehlen, weiß niemand genau. Die Rechnungen reichen von einem Überschuss bis zu einer Lücke von 55.000 allein in diesem Jahr, je nachdem, ob man Ganztag und Inklusion mitzählt. In Nordrhein-Westfalen fielen im ersten Halbjahr 2025/26 4,4 Prozent des Unterrichts ersatzlos aus, weitere 9,5 Prozent wurden vertreten. In Baden-Württemberg sind nach einer Umfrage unter Schulleitungen 78 Prozent der Schulen höchstens zu neun Zehnteln mit Unterricht versorgt. Von den Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren ist nur etwa jedes fünfzigste voll versorgt. Der Mangel trifft also am härtesten die Kinder, die die Schule am meisten brauchen.
Der Investitionsrückstand an Schulgebäuden beträgt nach dem KfW-Kommunalpanel 68,9 Milliarden Euro. Von den 6,5 Milliarden Euro des ersten Digitalpakts waren nach fünf Jahren erst 3,4 Milliarden abgeflossen. Beim Startchancen-Programm, das 4.000 Schulen in schwieriger Lage mit 20 Milliarden Euro unterstützen soll, bleibt das Geld für zusätzliches Personal liegen, weil es das Personal nicht gibt. Insgesamt gibt Deutschland 4,4 Prozent seiner Wirtschaftsleistung für Bildung aus, im OECD-Durchschnitt sind es 4,7. Das Problem ist nicht nur zu wenig Geld. Es ist Geld, das nicht ankommt, weil Verwaltungen es nicht verbauen und Menschen fehlen, die es in Unterricht verwandeln.
V. Das Zeugnis als Erbstück
Wößmann hat in der F.A.S. einen Satz gesagt, der mehr erklärt als jede Statistik. Den Leuten sei vielleicht noch wichtig, dass das Kind aufs Gymnasium gehe, eine gute Note habe, Abitur mache, „aber ob dann wirklich Bildung dahintersteckt, also dass man wirklich was gelernt hat, gar nicht unbedingt“.
Das Zeugnis ersetzt das Können. Für Familien, die ihren Kindern ohnehin Rückhalt mitgeben, ist das Abitur eine Absicherung des Erbes, ein Papier, das den Zugang offen hält. Für Kinder ohne diesen Rückhalt wäre das Können selbst das einzige Kapital. Ihnen nützt eine Schule, die Abschlüsse verteilt, wenig, wenn sie nicht lehrt. 8,4 Prozent eines Jahrgangs verließen 2024/25 die Schule ganz ohne Abschluss, der höchste Anteil seit mehr als zwanzig Jahren. Und 94 Prozent der Betriebe, die die Industrie- und Handelskammern 2026 befragten, beklagen eine mangelnde Ausbildungsreife ihrer Bewerber.
VI. Es ging schon einmal
Dass dies kein Schicksal ist, zeigt das eigene Land. Nach dem Schock von 2001 führten die Länder Bildungsstandards ein und überprüften sie, der Bund gab vier Milliarden Euro für Ganztagsschulen, Sprachförderung wurde ausgebaut. Bis 2012 stieg die Lesekompetenz der Fünfzehnjährigen von etwa 484 auf 508 Punkte, der Anteil der schwachen Leser sank von 22,7 auf 14,5 Prozent. Deutschland hat es gekonnt, in zehn Jahren.
Und es kann es heute noch, dort, wo man es will. Hamburg ist im IQB-Bildungstrend 2024 das einzige Land, in dem die Leistungen der Neuntklässler nicht signifikant gesunken sind, in Mathematik stieg es von Platz 11 auf Platz 4. Hamburg verteilt seine Lehrkräfte nach einem Sozialindex: Grundschulen in schwieriger Lage bekommen bis zu 50 Prozent mehr Stellen. Alle Vier- und Fünfjährigen werden auf ihren Sprachstand geprüft und dann gefördert. Selbst die CDU-Bundesbildungsministerin Karin Prien nannte die Hamburger Bildungspolitik im Mai ein Vorbild. Hessen schickt Kinder mit Sprachdefiziten seit 2021 verpflichtend in Vorlaufkurse vor der Einschulung, inzwischen fast ein Drittel eines Jahrgangs, und liegt beim Schulerfolg ausländischer Jugendlicher im Bildungsmonitor auf Platz 1. Estland, Europas bestes Land bei PISA 2025, zeigt, dass Spitzenleistung und schwache Herkunftsabhängigkeit zusammengehen können.
Was wirkt, ist also bekannt: früh hinsehen, früh fördern, die Mittel dorthin lenken, wo die Not am größten ist, und prüfen, ob es ankommt.
VII. Die These
Deutschland fehlt nicht das Wissen, was wirkt, und nicht in erster Linie das Geld. Es fehlt der Wille, den Absturz als Notstand zu behandeln. 2001 waren die Werte besser als heute, und das Land war erschüttert. 2026 sind sie schlechter, und es geht zur Tagesordnung über. Ein Unterschied springt ins Auge: Für die privilegierten Kinder funktioniert die Schule noch. Ein Viertel von ihnen ist leistungsstark. Der Absturz findet bei den anderen statt.
Eine Schule, die das Elternhaus nicht mehr ausgleicht, hat das Erbrecht dort eingeführt, wo es nie gelten sollte. Wer erbt, bekommt das Haus und das Können. Wer nicht erbt, bekommt ein Zeugnis.
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