Eine neue Querfront
Über einen Generationenstreit, in dem beide Seiten recht haben und der wichtigste Punkt verschwiegen wird
Die einen sagen, die Alten lebten auf Kosten der Jungen. Die anderen sagen, der Jugend gehe es besser als jeder Generation zuvor. Beide haben recht, und beide schweigen über dasselbe.
I. Zwei Texte, eine Zeitung
Am 30. Oktober 2026 erschien in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung ein Interview mit dem Jugendforscher Mathias Albert, der das Autorenteam der Shell-Jugendstudie leitet. Die Überschrift lautete: „Die Antwort kann nicht sein, die Jungen noch mehr zu pampern.“ Dieser Generation gehe es, was die Lebensverhältnisse angehe, keineswegs schlechter als früheren, sagte Albert, „das Gegenteil ist der Fall“. Mit fünfzehn alle zwei Jahre ein neues iPhone für tausend Euro, das sei doch absurd.
Einen Tag später prüften fünf Wirtschaftsjournalisten derselben Zeitung die Forderungen der Demonstranten, die an diesem Wochenende auf die Straße gehen. Ihr Befund: „Erstaunlich ist nicht, dass es einen Jugendprotest gibt, erstaunlich ist, dass es ihn erst jetzt gibt.“ Die Rentenbeschlüsse der Koalition belasten den Bundeshaushalt bis 2040 mit 200 Milliarden Euro zusätzlich, bis Ende des Jahrzehnts wird der Bund mit rund drei Billionen Euro verschuldet sein, und die Zinsen werden sich bis 2030 fast verdoppeln. „Diese Last tragen die Jungen.“
Zwei Texte in zwei Tagen, in derselben Zeitung, mit entgegengesetzten Botschaften. Das ist kein redaktionelles Versehen. Es ist ein Abbild der Lage.
II. Zwei Lager, quer durch die Generationen
In der Öffentlichkeit stehen sich zwei Haltungen gegenüber, und sie verhärten sich. Die erste sagt: Die Alten haben sich ihre Renten, ihre Häuser und ihre Sicherheit genommen und den Jungen Schulden, kaputte Schulen und unbezahlbare Mieten hinterlassen. Der Spiegel nannte das im Juni „die Tyrannei der Alten“. Die zweite sagt: Keine Generation hatte es je so gut, keine wurde so umsorgt, und wer jetzt klagt, verwechselt Ansprüche mit Not.
Das Bemerkenswerte ist, wer welche Haltung vertritt. Die Fronten verlaufen nicht zwischen den Generationen, sondern quer durch sie hindurch. Albert, Jahrgang 1967, sagt „nicht pampern“. Die Journalisten, die den Jungen recht geben, schreiben im selben Haus. Unter den Rentnern gibt es die, die ihren Enkeln die Demonstration bezahlen würden, und die, die Leserbriefe über verwöhnte Schulschwänzer schreiben. Unter den Jungen gibt es die, die heute auf der Straße stehen, und die, die sie für undankbar halten. Albert selbst sagt, große Teile der Jugend seien gar nicht auf der Straße.
Jedes der beiden Lager ist also eine Querfront: ein Bündnis von Alten und Jungen, quer zur Linie, um die angeblich gestritten wird.
III. Worin beide recht haben
Das erste Lager hat die Zahlen der Zukunft auf seiner Seite. Allein in die Rentenversicherung fließen im kommenden Jahr 132 Milliarden Euro aus dem Bundeshaushalt. Wer heute eine Wohnung sucht, zahlt keine Bestandsmiete, sondern eine Neuvertragsmiete, und ein WG-Zimmer in einer Universitätsstadt kostet nach dem Immobilieninstitut Empirica 80 Prozent mehr als 2012. Die Schulden, die heute für Renten, Tankrabatt und Gastrosteuer gemacht werden, zahlen die, die heute zur Schule gehen.
Das zweite Lager hat die Zahlen der Gegenwart auf seiner Seite. Die Reallöhne liegen heute höher als vor der Pandemie. Die Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland liegt bei gut sieben Prozent, in Frankreich bei weit über zwanzig. Die Nettokaltmieten sind im Durchschnitt seit 2020 langsamer gestiegen als die Preise. Und tatsächlich ist keine Generation so früh und so tief in die Konsummärkte eingebunden gewesen.
Beide Lager haben recht, und beide argumentieren mit Durchschnitten. Das ist ihr gemeinsamer Fehler.
IV. Die Spaltung in der Generation
Ein Durchschnitt beschreibt eine Gruppe gut, wenn die Gruppe einheitlich ist. Die junge Generation ist es nicht. Sie ist geteilt, und die tiefste Linie verläuft nicht zwischen Gebildeten und weniger Gebildeten, nicht zwischen Stadt und Land, sondern zwischen denen, die erben, und denen, die nicht erben.
Nach einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung von 2021 erhält, wer erbt, im Schnitt 85.000 Euro, wer eine größere Schenkung bekommt, 89.000. Die Hälfte aller Erbschaften und Schenkungen geht an die obersten zehn Prozent der Empfänger. Zwischen Menschen, die geerbt haben, und solchen, die nichts bekamen, liegt im Mittel ein Vermögensunterschied von 142.000 Euro. Das ist mehr als das durchschnittliche Erbe selbst, denn wer schon viel hat, erbt häufiger und mehr. Im Osten liegt das durchschnittliche Erbe bei 52.000 Euro, im Westen bei 92.000.
Man stelle sich zwei Studentinnen vor, gleich begabt, gleich fleißig, im selben Semester in derselben Stadt. Die eine zieht in die Eigentumswohnung, die ihre Eltern gekauft haben, und weiß, dass irgendwann ein Haus auf sie wartet. Die andere unterschreibt einen WG-Vertrag zum Neuvertragspreis, jobbt zwanzig Stunden die Woche und weiß, dass sie alles, was sie je besitzen wird, selbst verdienen muss. Für die erste stimmt der Satz, dieser Generation gehe es besser als jeder zuvor. Für die zweite stimmt der Satz, sie lebe prekär. Der Durchschnitt aus beiden beschreibt keine von ihnen.
Das zweite Lager spricht über die erste Studentin, das erste Lager über die zweite. Beide halten ihren Ausschnitt für das Ganze.
V. Der verschwiegene Punkt
Was in diesem Streit fehlt, ist das Erbe. Der Faktencheck der F.A.Z. rechnet Renten, Schulden, Zinsen und Unternehmenssteuern vor. Die Erbschaftsteuer kommt nicht vor, obwohl das Bundesverfassungsgericht zwei Wochen zuvor zwei Tage lang über sie verhandelt hat. Albert fordert, Privilegien der Älteren abzubauen, und meint damit Renten. Der Spiegel-Leitartikel über die „Tyrannei der Alten“ erwähnt, wie wir in „Der vertauschte Konflikt“ gezeigt haben, das Kapital mit keinem Wort.
Dabei ist das Erbe der größte Strom zwischen den Generationen. Das DIW schätzt, dass in Deutschland jedes Jahr bis zu 400 Milliarden Euro vererbt oder verschenkt werden. Die Finanzämter setzten 2025 darauf 21,4 Milliarden Euro Steuer fest. Betriebsvermögen ging 2025 zu mehr als vier Fünfteln als Schenkung über, nicht als Erbe, wie wir in „Der Kalender vererbt“ beschrieben haben. Dieser Strom fließt nicht von den Alten zu den Jungen. Er fließt von einigen Alten zu einigen Jungen, und er vertieft die Kluft innerhalb jeder Generation.
VI. Die neue Querfront
Der Begriff Querfront stammt aus der Weimarer Republik. 1932 versuchte Reichskanzler Kurt von Schleicher, Gewerkschaften und den Flügel der NSDAP um Gregor Strasser zu einem Bündnis quer zu den politischen Lagern zusammenzubringen. Seitdem bezeichnet das Wort Allianzen, die nicht zusammengehören.
Die neue Querfront hat keinen Schleicher und keinen Plan. Sie besteht aus den beiden Lagern selbst. So erbittert sie über „die Alten“ und „die Jungen“ streiten, in einem Punkt sind sie sich einig: Vom Erbe reden sie nicht. Das hat einen einfachen Grund. In beiden Lagern sitzen Menschen, die erben werden oder vererben wollen. Das Häuschen, das man den Kindern hinterlassen will, verbindet den Rentner, der „nicht pampern“ sagt, mit der Mutter, die mit ihrer Tochter demonstriert. Das macht die Querfront so stabil. Sie braucht keine Absprache.
Ein Streit zwischen den Generationen lässt sich nicht gewinnen. Die Alten werden nicht jünger, und die Jungen werden alt. Er lässt sich aber endlos führen, und solange er geführt wird, muss niemand die Frage beantworten, die beide Lager meiden: Warum entscheidet über die Zukunft eines jungen Menschen in Deutschland immer öfter nicht, was er kann, sondern wer seine Eltern sind?
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