Essay · Hans Ley & Claude Dedo · 26. Oktober 2026

Der Peterspfennig

oder wie finanziert sich der Vatikan?

Gesammelt wird für die Nächstenliebe des Papstes. Bezahlt wird vor allem ein Apparat. Und eines der reichsten Bistümer der Welt liegt nicht in Rom, sondern in Westfalen.

I. Die Sammlung

Einmal im Jahr, um das Fest Peter und Paul Ende Juni, geht in den katholischen Gemeinden der Welt der Klingelbeutel für den Papst herum. Der Peterspfennig ist alt. Im angelsächsischen England des achten Jahrhunderts zahlte jeder Haushalt einen Pfennig an Rom, bis Heinrich VIII. die Abgabe 1534 abschaffte, als er mit dem Papst brach. Wiederbelebt wurde der Peterspfennig, als der Papst um 1860 seinen Kirchenstaat verlor und mit ihm seine Steuereinnahmen. 1871 erkannte Pius IX. ihn als feste Einrichtung an.

Heute wird er als „Nächstenliebe des Papstes“ beworben. Der Jahresbericht für 2025 nennt 57,6 Millionen Euro Einnahmen. Fast zwei Drittel stammen aus den Diözesen, der größte Geber sind die USA mit 26 Prozent, Deutschland liegt auf Platz fünf. Ausgezahlt wurden 54,5 Millionen. Davon gingen 13,3 Millionen in Hilfsprojekte für Bedürftige, 252 Projekte in 74 Ländern. Die übrigen 41,2 Millionen flossen in „die Tätigkeit des Heiligen Stuhls im Dienst der apostolischen Mission des Papstes“. Das ist die Kurie in Rom, ihre Behörden, ihre Gehälter, ihre Botschaften.

Wer am Fest Peter und Paul einen Zehner in den Beutel legt, gibt also zweieinhalb Euro für die Armen und siebeneinhalb für die Verwaltung. Das ist nicht verboten und steht im Bericht. Auf dem Plakat steht es nicht.

II. Ein Apparat in den roten Zahlen

Der Heilige Stuhl gibt im Jahr rund 1,2 Milliarden Euro aus. Etwa sechzig Prozent davon gehen in Gehälter, Pensionen und den Betrieb der Kurie, ein großer Teil in die Diplomatie mit Botschaften in über 180 Ländern. Die Einnahmen reichen nicht. Das Defizit liegt seit Jahren zwischen 50 und 90 Millionen Euro, 2023 waren es 83,5 Millionen. Im Pensionsfonds für rund 5.000 Beschäftigte und Ruheständler fehlen je nach Schätzung zwischen 350 Millionen und einer Milliarde.

Dabei ist der Vatikan nicht arm. Seine Vermögensverwaltung, die APSA, besitzt 4.281 Immobilien in Italien und rund 1.200 im Ausland, in London, Paris, Genf und Lausanne. Ihr Eigenkapital lag Ende 2025 bei knapp 2,7 Milliarden Euro, 29 Prozent ihres Portfolios liegen in physischem Gold. Die Vatikanbank IOR verwaltet 5,7 Milliarden Euro für gut 12.000 Kunden, die „der Kirche angehören oder ihr dienen“, und hat dem Papst für 2025 eine Rekorddividende von 24 Millionen gezahlt. Die Vatikanischen Museen bringen bei sieben Millionen Besuchern im Jahr fast 100 Millionen.

Das Vermögen wirft also ab, aber nicht genug für den Apparat, den es tragen soll. Und es wurde nicht immer klug verwaltet. Das Staatssekretariat steckte ab 2014 rund 200 Millionen in ein Luxusgebäude in der Londoner Sloane Avenue und verkaufte es 2022 mit einem Verlust von über 100 Millionen. Kardinal Angelo Becciu wurde dafür im Dezember 2023 zu fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt. Im März 2026 ordnete das vatikanische Berufungsgericht an, die Verhandlung zu wiederholen, unter anderem weil Papst Franziskus dem Ankläger 2019 per unveröffentlichtem Erlass Sonderbefugnisse gegeben hatte. Ob dabei auch Geld aus dem Peterspfennig verloren ging, ist bis heute ungeklärt. Der Vatikan bestreitet es. Sein eigener Wirtschaftspräfekt räumte 2021 ein, dass die Spenden traditionell zusammen mit anderen Geldern des Staatssekretariats angelegt wurden.

III. Woher das Vermögen stammt

Den Grundstock des heutigen Vermögens legte Mussolini. In den Lateranverträgen von 1929 entschädigte Italien den Papst für den verlorenen Kirchenstaat mit 750 Millionen Lire in bar und einer Milliarde Lire in Staatsanleihen. Pius XI. übergab das Geld dem Bankier Bernardino Nogara, der es bis 1954 verwaltete und dabei nur dem Papst Rechenschaft schuldete.

Nogara legte das Geld an wie ein moderner Fondsmanager. Er kaufte Gold, Immobilien und Unternehmen, saß im Aufsichtsrat des Versicherers Generali und des größten italienischen Baukonzerns und erwarb die Mehrheit an Serono, damals Italiens größtem Hersteller von Verhütungsmitteln. Die Kirche verdiente am Verkauf dessen, was sie ihren Gläubigen verbot. Für die Gewinne gründete Nogara eine Holding in Luxemburg, Grolux, ausgewählt wegen der schwachen Offenlegungspflichten, und baute eine Schweizer Gesellschaft, Profima, zur Beteiligungsholding aus.

Nogara saß auch viele Jahre im Aufsichtsrat des Chemiekonzerns Montecatini, an dem der Vatikan nach einem Bericht des Spiegel von 1970 „sehr wesentliche Anteile“ hielt. Nach seinem Tod saßen andere Vertrauensleute des Vatikans im Aufsichtsrat und entschieden 1966 über die Fusion mit Edison zu Montecatini Edison mit, später Montedison. Derselbe Bericht nennt Beteiligungen an Munitionsfabriken. Was das für einen Katholiken bedeutete, der davon erfuhr, haben wir in „Warum ich kein Linker geworden bin“ erzählt.

Wie groß das Aktienvermögen war, zeigte ein Streit mit dem italienischen Staat. 1965 schätzte das Time-Magazin den Anteil des Vatikans auf etwa 15 Prozent des Werts aller an der italienischen Börse notierten Aktien. Als Italien 1962 Dividenden besteuerte, weigerte sich der Vatikan zu zahlen und berief sich auf die Lateranverträge. Ministerpräsident Aldo Moro bot eine Befreiung an, wenn der Vatikan eine Liste seiner Beteiligungen vorlege. Kardinalstaatssekretär Cicognani lehnte ab: Ein souveräner Staat lege seine Finanzen keinem anderen offen. Der Vatikan drohte, seine italienischen Aktien auf den Markt zu werfen.

Paul VI. entschied sich schließlich, die großen Pakete abzustoßen. 1969 übernahm Michele Sindona nach Gesprächen im Apostolischen Palast den Anteil an der Società Generale Immobiliare und wurde Berater der Vatikanbank. Sindona wurde später in den USA wegen des Zusammenbruchs der Franklin National Bank verurteilt und in Italien 1986 wegen Anstiftung zum Mord an dem Anwalt Giorgio Ambrosoli; zwei Tage nach dem Urteil starb er an vergiftetem Kaffee. Nach dem Zusammenbruch des Banco Ambrosiano zahlte die Vatikanbank 1984 rund 250 Millionen Dollar als „freiwilligen Beitrag“ an die Gläubiger. Und Anfang der neunziger Jahre lief das Schmiergeld aus dem Enimont-Geschäft, an dem Montedison beteiligt war, zu einem Teil über Konten der Vatikanbank. Der Mailänder Staatsanwalt Antonio Di Pietro nannte es „die Mutter aller Schmiergelder“. Dieselbe Abschottung, mit der der Vatikan 1964 seine Aktienliste verweigerte, machte seine Bank zur Durchgangsstation für fremdes Geld.

Dass das Muster nicht auf Rom beschränkt war, zeigt Medellín in den achtziger Jahren. Die Zeitschrift Semana berichtete im September 1984 über die „Narcolimosnas“, die Almosen der Drogenhändler. Zwei Priester der Stadt, Elías Lopera und Hernán Cuartas, galten als Berater Pablo Escobars und unterstützten seine Kampagne „Medellín sin tugurios“; Erzbischof Alfonso López Trujillo soll sie geduldet haben. Die Journalistin María Jimena Duzán hatte schon im September 1983 angedeutet, dass Zuwendungen rund um seine Erhebung zum Kardinal im Februar desselben Jahres zweifelhafter Herkunft seien. Belegt wurde das nie. Offen bekannte sich dagegen der Bischof von Pereira, Darío Castrillón: Er habe Geld von der Mafia angenommen und an die Armen verteilt, er sei Seelsorger und nicht Staatsanwalt. Beide machten in Rom Karriere. López Trujillo leitete bis zu seinem Tod 2008 den Päpstlichen Rat für die Familie, Castrillón wurde Kardinal und Präfekt der Kongregation für den Klerus.

Nogaras Holdings gibt es noch. Der Jahresbericht der APSA für 2025 nennt Erträge aus Grolux in Großbritannien, Profima in der Schweiz und Sopridex in Frankreich. Eine Liste der Unternehmen, an denen der Vatikan Aktien hält, veröffentlicht er nicht, heute so wenig wie 1964.

IV. Wem in der Kirche was gehört

Die katholische Kirche ist kein Konzern mit einer Bilanz. Nach dem Kirchenrecht gehört jedes Vermögen der Einrichtung, die es erworben hat: der Pfarrei, dem Bistum, dem Orden, der Stiftung. Der Papst ist „oberster Verwalter“ aller Kirchengüter, aber nicht ihr Eigentümer.

Wie das Verhältnis tatsächlich aussieht, zeigt ein Vergleich. Das Erzbistum Paderborn wies 2023 eine Bilanzsumme von 4,9 Milliarden Euro aus, davon 4,5 Milliarden Finanzanlagen. Köln kam auf 4,3 Milliarden, München-Freising auf 3,9 Milliarden. Ein einziges westfälisches Bistum hat mehr in den Büchern als die gesamte Vermögensverwaltung des Vatikans. Das Vermögen beider großen Kirchen in Deutschland wird auf 400 bis 450 Milliarden Euro geschätzt; die meisten Gebäude und Grundstücke stehen nur mit historischen Werten in den Büchern. Die Caritas beschäftigt knapp 740.000 Menschen in über 25.000 Einrichtungen. Bezahlt wird deren Arbeit überwiegend von Kranken- und Pflegekassen und aus öffentlichen Mitteln, nicht aus der Kirchensteuer.

Dass sich solche Vermögen ansammeln, liegt auch an ihrer Besteuerung. Bistümer und Pfarreien sind in Deutschland Körperschaften des öffentlichen Rechts. Körperschaftsteuer zahlen sie nur auf ihre „Betriebe gewerblicher Art“; Zinsen, Dividenden und Mieten aus der Verwaltung ihres Vermögens bleiben steuerfrei. Die Orden sind meist als gemeinnützige Vereine oder ebenfalls als Körperschaften öffentlichen Rechts organisiert und steuerbegünstigt. Steuerpflichtig wird es erst, wenn sie wie ein Unternehmen auftreten und mehr als 45.000 Euro im Jahr einnehmen. Die Klosterbrauerei Andechs zahlt deshalb Steuern wie jede andere Brauerei, das Kloster als solches nicht. Kirchen, Gemeindehäuser und die Dienstwohnungen der Geistlichen sind von der Grundsteuer befreit, Erbschaften und Schenkungen an die Kirche von der Erbschaftsteuer. Umsatzsteuer müssen kirchliche Einrichtungen erst nach einer Übergangsfrist bis Ende 2026 zahlen, und auch dann nur, wo sie mit privaten Anbietern konkurrieren.

Dazu zahlt der Staat. Die Kirchensteuer ziehen die Finanzämter ein, gegen eine Gebühr von zwei bis vier Prozent. Weil sie von der Einkommensteuer abgezogen werden kann, entgehen dem Staat nach Schätzungen jedes Jahr Steuern in Milliardenhöhe. Und die Länder überweisen den beiden großen Kirchen sogenannte Staatsleistungen, 2025 rund 657 Millionen Euro, als Entschädigung für die Enteignungen von 1803. Die Weimarer Verfassung verlangte 1919, diese Zahlungen abzulösen, das Grundgesetz hat den Auftrag übernommen. Erfüllt hat ihn bis heute keine Regierung. Das reichste Bistum Deutschlands legt Milliarden an, ohne auf die Erträge Steuern zu zahlen, und bekommt jedes Jahr Geld für einen Verlust, der über zweihundert Jahre zurückliegt. Das ist kein Gesetzesbruch der Kirche. Es ist ein Versäumnis des Staates, das beiden Seiten bequem ist.

Die Peripherie ist reich, das Zentrum schreibt rote Zahlen. Das Geld fließt vom Rand zur Mitte: über den Peterspfennig, über die Pflichtbeiträge der Bistümer, die vor allem aus Deutschland und den USA kommen, und über die Einlagen von Orden und Diözesen bei der Vatikanbank. Zurück fließt wenig.

V. Rom besitzt wenig und kontrolliert viel

Die Macht der Zentrale beruht nicht auf Geld, sondern auf Recht und Glauben. Wer in einem deutschen Bistum Kirchengut verkaufen oder belasten will, braucht oberhalb einer Grenze die Erlaubnis des Heiligen Stuhls. Seit dem 1. Januar 2026 liegt sie je nach Größe des Bistums zwischen 10 und 25 Millionen Euro. Rom muss die Milliarden in Paderborn nicht besitzen, um über die großen Geschäfte mitzuentscheiden. Es ernennt die Bischöfe, die sie verwalten.

Das ist dasselbe Modell, das wir in „Die Begründer des christlichen Leviathans“ beschrieben haben: Schwert in der einen Hand, Bischofsstab in der anderen, der Geldbeutel bleibt bei den anderen. Ein Konzern, der so organisiert wäre, hieße Franchise-System. Die Zentrale verwaltet die Marke und die Regeln, die Filialen tragen das Geschäft und zahlen dafür.

Dazu gehört die Undurchsichtigkeit. Weder die Vatikanbank noch die Vermögensverwaltung nennen ihre Beteiligungen. Die Orden veröffentlichen fast nichts. Eine Gesamtbilanz der Weltkirche gibt es nicht, und sie wird nicht gewollt. Jede Reform der letzten Jahrzehnte hat das nur verschoben. Franziskus zog 2022 alle Gelder bei der Vatikanbank zusammen, Leo XIV. hob diese Ordnung im Oktober 2025 wieder auf. Schon im Juni 2025, wenige Wochen nach seiner Wahl, hatte der Vatikan eine Spendenkampagne gegen das Defizit gestartet.

Wo nichts offengelegt wird, wachsen Legenden. Eine der zähesten besagt, den Jesuiten gehöre die Hälfte der Bank of America. Die größten Aktionäre der Bank sind in Wahrheit die Fondsgesellschaften Vanguard und BlackRock und Warren Buffetts Berkshire Hathaway, mit Anteilen von sieben bis neun Prozent. Die Legende stammt aus derselben Tradition wie die gefälschten „Monita secreta“ von 1614, nach denen die Jesuiten heimlich die Welt regieren. Die Undurchsichtigkeit der Kirche macht solche Erfindungen nicht wahr, aber sie macht es schwer, sie zu widerlegen.

So schließt sich der Kreis. Die Sammlung, die als Nächstenliebe beworben wird, deckt die Lücke eines Apparats, der über Milliarden an Immobilien und Gold verfügt und dennoch nicht mit seinem Geld auskommt. Die Armen bekommen ein Viertel. Was die Kirche in Rom wirklich kostet, sieht man nicht im Klingelbeutel, sondern in den Bilanzen der Bistümer, die ihn füllen.

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Hans Ley & Claude Dedo (Anthropic) — Nürnberg, 26. Oktober 2026.

Quellen. Obolo di San Pietro, Jahresbericht 2025, nach TGCom24, 30. Juni 2026. · APSA, Jahresbericht 2025, nach L’Osservatore Romano, 31. Juli 2026, und CNA/National Catholic Register. · IOR, Jahresbericht 2024 (Pressemitteilung des Vatikans, 11. Juni 2025) und 2025 (The Pillar, Mai 2026). · FSSPX.News, „Vatican: Bank in the Green, But Finances Remain in the Red“, 25. Juni 2025 (Defizit, Pensionsfonds). · Economic Research Council, „The Economy of the Vatican“, 24. April 2025. · Milano Finanza, Berufungsentscheidung im Fall Becciu, 17. März 2026; EWTN News, „The Puzzle of the Peter’s Pence and the Vatican London Deal“. · Wikipedia, „Bernardino Nogara“. · „Die Milliarden des Vatikans“, Der Spiegel 21/1970, 17. Mai 1970 (Montecatini, Edison, Munitionsfabriken). · TIME, „Roman Catholics: The Vatican’s Wealth“, 26. Februar 1965, und „Investment: Low Profile for the Vatican“, 28. November 1969. · Famiglia Cristiana, „La vera storia della banca del Vaticano“ (Ambrosiano, Genfer Abkommen 1984, Enimont); Lettera 43, 13. April 2013; Wikipedia, „Michele Sindona“. · Semana, „Narcolimosnas“, 2. September 1984; Infobae, 12. Januar 2019; Wikipedia, „Alfonso López Trujillo“. · Codex Iuris Canonici, cann. 1256, 1273, 1292; Generaldekret der Deutschen Bischofskonferenz zu cc. 1292, 1295, 1297, Amtsblatt Augsburg 17/2025. · DAS INVESTMENT, „So viel Geld hat die Kirche in Deutschland“, 8. Mai 2025. · Deutscher Caritasverband, Zentralstatistik, nach neue caritas 2024. · Körperschaftsteuergesetz §§ 1, 4, 5; Abgabenordnung §§ 54, 64; Grundsteuergesetz § 3; Erbschaftsteuergesetz § 13; Umsatzsteuergesetz § 2b. · Humanistische Union, „2025 steigen die Staatsleistungen an die Kirchen auf 657 Millionen Euro“; Deutscher Bundestag, hib 286/2026 (Gesetzentwurf zur Ablösung). · Bank of America, Proxy Statement März 2026 (Großaktionäre), nach eco.com. · Leo XIV., Motu proprio „Coniuncta cura“, 6. Oktober 2025.