Essay · Hans Ley & Claude Dedo · 30. Oktober 2026

Lupenreine Demokraten

Über feudale Prinzipien an den Knotenpunkten der Demokratie

Wer einen anderen zum Demokraten erklärt, erspart dem Publikum die Prüfung. Die Frage ist, wer das Siegel vergeben darf, und wie er an das Siegel gekommen ist.

I. Das Etikett

2004 fragte der Moderator Reinhold Beckmann in der ARD den Bundeskanzler, ob Wladimir Putin ein lupenreiner Demokrat sei. Gerhard Schröder sagte, er sei davon überzeugt. Acht Jahre später, im März 2012, wurde er im Deutschlandfunk danach gefragt und hatte nichts zurückzunehmen.

Das Wort stammt aus dem Diamantenhandel. Lupenrein ist ein Stein, in dem der Juwelier unter der Lupe keine Einschlüsse findet. Der Käufer prüft nicht selbst, er verlässt sich auf den Juwelier. Darin liegt die Macht des Wortes: Wer es ausspricht, nimmt dem Publikum die Prüfung ab. Und wer es oft genug ausspricht, bestimmt, wer als Demokrat gilt und wer nicht.

Schröder ist für diesen Satz verbrannt. Aber er war nur der Lauteste. Das Siegel wird in Deutschland an mehreren Stellen vergeben, und an einigen davon sitzen Menschen, die nie gewählt wurden.

II. Der Maßstab

Alfred Hugenberg war von 1909 bis 1918 Vorsitzender des Direktoriums von Krupp. Ab 1916 kaufte er den Scherl-Verlag und die Nachrichtenagentur Telegraphen-Union, dazu Anzeigenfirmen und Beteiligungen an Zeitungen, 1927 die Ufa. Er besaß damit einen der größten Meinungsapparate der Weimarer Republik. 1928 wurde er Vorsitzender der Deutschnationalen Volkspartei.

1929 kämpfte er gemeinsam mit der NSDAP und dem Stahlhelm in einem Volksbegehren gegen den Young-Plan. 1931 gründete er mit ihnen die Harzburger Front gegen die Regierung Brüning. Am 30. Januar 1933 trat er als Minister für Wirtschaft und Ernährung in das Kabinett Hitler ein, in der Hoffnung, dessen Macht zu begrenzen. Im Juni 1933 trat er zurück, seine Partei löste sich auf. In den folgenden Jahren musste er seine Zeitungen verkaufen und die Ufa abgeben, gegen gute Entschädigung.

Hugenberg wollte keine Diktatur der NSDAP. Er wollte eine autoritäre Ordnung unter seiner Führung, und er glaubte, er könne die Radikalen dafür benutzen. Er hat ihnen dafür das gegeben, was ein Medienherr geben kann: eine Bühne und Ansehen. Das ist der Maßstab, an dem wir messen. Nicht das Ergebnis von 1933, sondern den Mechanismus: Ein privater Herr über die öffentliche Meinung hält sich für klug genug, die Feinde der Demokratie zu zähmen, indem er sie salonfähig macht.

III. Der Siegelbewahrer

Mathias Döpfner begann 1982 als Musikkritiker der FAZ und promovierte 1990 in Musikwissenschaft. Über Gruner + Jahr, die Wochenpost und die Hamburger Morgenpost kam er 1998 als Chefredakteur zur Welt, 2000 in den Vorstand von Axel Springer, 2002 an dessen Spitze. Von 2016 bis 2022 war er zugleich Präsident des Bundesverbands der Zeitungsverleger. In „Die Titanisierung der Konfettikanone“ haben wir ihn den Lord-Siegel-Bewahrer genannt: Er gibt oder verweigert die Zustimmung, er bescheinigt die Qualität.

Wie er Siegel vergibt, ist belegt. Am 24. September 2026 verlieh der Springer-Konzern, dessen Vorstandschef und Miteigentümer Döpfner ist, den Axel Springer Award an Peter Thiel, und Döpfner hielt die Laudatio. Thiel hatte 2009 geschrieben, er glaube nicht mehr, dass Freiheit und Demokratie vereinbar seien. Döpfner nannte Thiel vorab den „wahrscheinlich mit Abstand einflussreichsten Deutschen unserer Zeit“ und Thiels Firma Palantir „eine Schutzmacht der Demokratie, keine Gefahr für die Demokratie“. Thiel nannte bei der Verleihung Teile der Medien eine „linke Hassfabrik“ und lobte Döpfner als Gegenstimme. Was dahinter steht, haben wir in „Der Stein, der zurückblickt“ und „Der Katechon“ beschrieben.

Wie er Siegel entzieht, ist ebenfalls belegt, allerdings nur aus Nachrichten, die er nicht für die Öffentlichkeit geschrieben hat. Im April 2023 veröffentlichte die Zeit interne Nachrichten Döpfners. Im Zusammenhang mit der Thüringer Ministerpräsidentenwahl von 2020 schrieb er danach über Angela Merkel von einem „Sargnagel der Demokratie“. Kurz vor der Bundestagswahl 2021 schrieb er an den Chefredakteur der Bild: „Please Stärke die FDP.“ Döpfner hat sich für einen Teil dieser Nachrichten entschuldigt und andere als ironische, provokative Äußerungen bezeichnet. Das gehört zur Fairness. Ebenso gehört dazu, dass sie nicht an Freunde gingen, sondern an die Führung seiner Zeitungen.

Die Bundeskanzlerin ist demnach ein Sargnagel der Demokratie, die Datenfirma der Geheimdienste ihre Schutzmacht, der Mann, der Freiheit und Demokratie für unvereinbar hält, ein mutiger Widerspruchsgeist. Das Siegel wird nicht nach einer Prüfung vergeben. Es wird nach Nähe vergeben.

IV. Die Erbhöfe

Wie kommt ein Mann an das Siegel? Bei Springer durch eine Erbfolge in zwei Stufen.

Friede Riewerts, 1942 auf Föhr als Tochter eines Gärtnermeisters geboren, kam 1965 mit 23 Jahren als Kindermädchen in den Haushalt Axel Springers. 1978 wurde sie seine fünfte Ehefrau, 1985 seine Erbin, gemeinsam mit Kindern und Enkeln aus früheren Ehen. Sie kaufte die Anteile der Brüder Burda und Leo Kirchs zurück, dazu die von Verwandten, und wurde Mehrheitseignerin. 2002 machte sie Döpfner zum Vorstandsvorsitzenden. 2020 schenkte sie ihm 15 Prozent der Aktien, nach einer Rechnung der FAZ rund eine Milliarde Euro wert, und übertrug ihm die Stimmrechte für ihre übrigen Anteile. Seit der Aufspaltung von 2025 gehört das Mediengeschäft mit Bild, Welt, Politico und Business Insider fast vollständig den beiden.

Bei Bertelsmann ist die Geschichte ähnlich. Elisabeth Beckmann bewarb sich 1958 mit 17 Jahren als Telefonistin bei Bertelsmann in Gütersloh. Sie wurde die Geliebte des Eigentümers Reinhard Mohn, bekam Kinder mit ihm und heiratete ihn 1982. 1999 holte er sie in die Bertelsmann Verwaltungsgesellschaft, die sämtliche Stimmrechte am Konzern hält, und übertrug ihr dort sein Vetorecht und in der Bertelsmann Stiftung seine Rechte als Stifter. 2003 sagte sie nach einem Bericht des Cicero: „Wo Bertelsmann herrscht, herrscht Familie.“ 2006 ließ der Konzern auf ihr Drängen Anteile für 4,5 Milliarden Euro zurückkaufen, damit kein fremder Investor mitbestimmt. 2021 gab sie den Vorsitz an ihren Sohn weiter. Zum Konzern gehören RTL und Penguin Random House, und die Stiftung, die den Großteil des Kapitals hält, berät seit Jahrzehnten Politik und Verwaltung. 2004 warb Liz Mohn im Cicero für eine Kanzlerin Merkel.

Man muss beiden Frauen zugestehen, was sie geleistet haben. Sie haben ihre Häuser gegen mächtige Investoren zusammengehalten, und beide geben viel für Stiftungen aus. Das Problem sind nicht die Personen. Das Problem ist, dass in keiner Stufe dieser beiden Erbfolgen ein Wähler, ein offener Markt oder ein fremder Aktionär mitentschieden hat. Es gab eine Anstellung, eine Ehe, ein Erbe, Sonderrechte und eine Schenkung. So wird in jedem Familienunternehmen die Nachfolge geregelt, und bei einer Brotfabrik ist das Privatsache.

V. Was daraus folgt

Bild und Welt, RTL und die Bertelsmann Stiftung sind keine Brotfabriken. Sie sind Knotenpunkte der Demokratie: Dort wird entschieden, was die Öffentlichkeit erfährt, wie sie es erfährt und wer als vernünftig, mutig oder demokratisch gilt. An diesen Knotenpunkten gilt ein feudales Prinzip. Die Macht kommt durch Ehe, Erbe und Gunst des Vorgängers, und sie wird so weitergegeben. Rechenschaft schuldet sie niemandem außer dem nächsten Erben.

Die Presse soll prüfen, wer sich Demokrat nennt. Wenn der Erbe des Siegels selbst bestimmt, wer Demokrat ist, fällt die Prüfung weg. Dann ist es gleichgültig, ob er klug oder töricht urteilt, gut oder schlecht meint. Das Publikum hat keine Möglichkeit, ihn zu korrigieren, außer das Blatt nicht mehr zu kaufen. Dieselbe Machtform haben wir in „Die neue Nomenklatura und das Parteienkartell“ für die Parteien beschrieben. Hier ist sie noch reiner, weil sie nicht einmal Wahlen kennt.

VI. Die These

Eine Demokratie muss nicht verbieten, dass Verlage vererbt werden. Aber sie darf ihre Erben nicht für neutrale Juweliere halten. Wer sein Siegel durch Ehe, Erbe und Schenkung erhalten hat und es nach Nähe vergibt, steht in der Tradition Hugenbergs, ob er es will oder nicht. Nicht in dem, was er will, sondern darin, wie seine Macht entsteht und wie er sie gebraucht: Er hält sich für klug genug, die Feinde der Freiheit zu zähmen, indem er ihnen Preise verleiht.

Sie sind alle so lupenreine Demokraten wie Hugenberg.

Weiterlesen: Der Stein, der zurückblickt · Der Katechon · Die Titanisierung der Konfettikanone · Die neue Nomenklatura und das Parteienkartell · Wie wird man Milliardär? · Die Freundschaft unter Waffenbrüdern

Hans Ley & Claude Dedo (Anthropic) — Nürnberg, 30. Oktober 2026.

Quellen. Gerhard Schröder in der ARD-Sendung „Beckmann“, November 2004; Tagesspiegel, „Schröder bleibt dabei: Putin ist ein lupenreiner Demokrat“, 7. März 2012. · Zu Alfred Hugenberg: Deutsches Historisches Museum, LeMO-Biografie „Alfred Hugenberg 1865–1951“. · Zu Mathias Döpfner: Lebenslauf nach Wikipedia; Tagesspiegel/dpa, „Umstrittener Unternehmer bekommt Springer-Award in Berlin“ und „Thiel kritisiert Teile der Medien als ‚linke Hassfabrik‘“, September 2026. · Zu den Nachrichten Döpfners: Die Zeit, 13. April 2023, nach Berliner Zeitung und turi2 vom selben Tag; Irish Times, 14. April 2023. · Zu Friede Springer: Nordfriisk Instituut, Nordfriesland-Lexikon; Tagesspiegel, „Wie vier Märchen aus 1001 Nacht“, zum 80. Geburtstag; taz, „Schenkung von Verlagsanteilen“, 24. September 2020; Der Aktionär, „Axel Springer wird wieder Medienhaus in Familienhand“, 2024. · Zu Liz Mohn und Bertelsmann: Cicero, „Liz Mohn: Die Matriarchin von Gütersloh“; Bertelsmann, Aktionärsstruktur (bertelsmann.com).